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Patrick Wildens jour fixe



„Verehrte Anwesende“, hub der Altvater der städtischen Literatenszene an, nachdem er sich mit einem energischen Schütteln seiner Künstlermähne auf dem ihm hingestellten Schemel gesetzt hatte. „Verehrte Anwesende, liebe Freunde der Literatur.“
Der miese kleine Poet, Groschenromancier und leidenschaftliche Blog-Hüttenbewohner, der „Literatur“ haßte wie die Pest und viel lieber in seiner Stammkneipe geblieben und Skat gekloppt hätte, saß in der letzten Reihe des Vortragssaals und duckte sich – als hätte er Sorge, daß ihn irgendjemand erkennen könnte. Doch von den Grauköpfen, die vor ihm saßen, beachtete ihn niemand, weil nun, nach kurzer Vorrede des örtlichen Kulturkritikers Dr. Durst, der Altvater der städtischen Literatenszene mit seiner Lesung begann.
„Ich werde nun zunächst aus meinen Tagebüchern zitieren, die ich für wichtig halte, weil sie jeder gelesen haben sollte. Sie liegen übrigens seit kurzem im … Verlag vor.“ Der Literat blickte auf und schob seine Lesebrille auf der Nase zurecht. „Sodann werden Sie erfahren, was es auf dieser Welt noch an Lesenswertem gibt.“
Der miese kleine Poet in der letzten Reihe fing an zu zittern. Er war nur deswegen zu dieser abscheulichen Lesung gekommen, weil er inzwischen keine Groschenromanreihe, keinen Verlag und keine Zeitung mehr fand, die sein Geschreibe noch bringen wollten. Das Skatspiel warf nicht genug ab, obwohl er ein sehr geschickter Spieler war, aber seinen Gewinn vertrank er in der Regel sofort wieder. In den meisten Buchhandlungen und Antiquariaten der Stadt hatte er bereits Hausverbot, nachdem er beim Klauen erwischt worden war. Die Polizei ermittelte wegen Hehlerei gegen ihn. Und die Wirtin marterte ihn, sobald er zur Tür hereinkam, mit immer neuen Mietforderungen. Mit einem Wort: er brauchte Geld. Und er wollte den gerade lesenden Großliteraten dazu bewegen, ein gutes Wort für ihn einzulegen.
Doch was mutete dieser Mann ihm zu. Nachdem er in seinen Tagebucheinträgen sämtliche wichtigen lebenden Schriftsteller abgekanzelt und auf die Größe von Heinzelmännchen reduziert hatte, trug er seine Ansichten über die, wie er es formulierte, „wirklich großen Geister unserer Zeit“ vor. Der miese kleine Poet, der sich außerhalb seiner Stammkneipe noch nie mit Literatur, geschweige denn mit theoretischen Fragen der Schriftstellerei befaßt hatte – er schrieb auch alle seine Texte beim schummrigen Licht der Thekenkerze, meist zwischen dem zehnten und zwölften Hellen –, hörte zum ersten Mal in seinem Leben Namen wie Prust, Mischo, Baff und Dscheuß und er wußte gar nicht, wie ihm geschah. Eine unüberwindliche Sehnsucht überkam ihn, während sich die Ovationen des Publikums ins Unermeßliche steigerten, nach den Comicstrips seiner Kindheit, nach seinem geliebten „Harry Rhodan und der halbtote Prinz“ und dem göttlichen „Todesreiter von Santa Fe“.
Traurig und entmutigt, mehr von nackter Existenzangst getrieben als von innerer Überzeugung oder dem Wunsch, der Macht des Wortes nah zu sein, reihte sich der miese kleine Poet anschließend in die lange Schlange derjenigen ein, die vom Altvater der städtischen Literatenszene ein Autogramm haben wollten. Als er dem großen Mann, der gut gebaut und gebräunt mit einem Mont-Blanc-Füller in der Hand auf seinem Schemel saß und ihn ohne großes Interesse, dafür mit einem milden, fast gönnerhaften Lächeln auf den Lippen ansah, schließlich gegenüberstand, wußte der miese kleine Poet, hager, groß und struppig, wie er war, beim besten Willen nicht mehr, was er ihm mitteilen wollte. Also haute er ihm mit der rechten Faust mitten ins Gesicht und verließ, sichtlich erleichtert, das Gebäude.


Patrick Wilden, 17. Februar 2006
ID 2259




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