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Die Bienen gehen fort. Was halt so in der Tageszeitung steht. Sie fliegen weg und kommen nicht wieder. Eben noch hatte ich das Honigglas in der Hand. Und schon zweifle ich, ob es überhaupt Nachschub geben wird, wenn die Bienen uns tatsächlich verlassen. In den USA sind sie gerüchtehalber schon fast weg. Im Land der Katastrophenfilme gibt es zwar noch einige Völker, doch die werden, so stand es in der Zeitung, zur Power-Bestäubung mit dem Lkw von einer transgenen Landwirtschaft zur nächsten transportiert. In der Zeitung stehen viele aufregende Sachen. Wenn es bald keinen Honig mehr gibt, fällt das vor dem Hintergrund des Klimawandels, der Klimakatastrophe, ja, im Grunde des Weltuntergangs natürlich weniger ins Gewicht. Aber es würde doch eine Umgewöhnung bedeuten. Man müßte zum Beispiel bei der Wahl des Frühstücksbrotaufstrichs endgültig eine Entscheidung treffen zwischen Grafschafter Goldsaft oder den Produkten aus dem Hause Nestlé, etwas Süßes dazwischen gäbe es dann nicht mehr. Spürbarer wären die Einschnitte ebenfalls in der Sprache, besonders im Grenzgebiet zwischen Metaphern und Wirklichkeit. Wenn uns die Bienen tatsächlich verließen und kein Honig mehr flösse, wer könnte dann etwa noch „grinsen wie ein Honigkuchenpferd“, wie man so schön sagt? Aber auch für den großen Bereich der angewandten Ethik wäre der Weggang der Bienen eine Katastrophe. Wo sollte unsere extrem produktive und arbeitsrege Gesellschaft, in der sich mit dem sprichwörtlichen Bienenfleiß Millionen verdienen lassen, ihre Berechtigung hernehmen? Zögen sich die Bienen zurück, müßten wir uns ernsthaft Gedanken machen, zu Themen wie Dekadenz oder Fettgehalt im Blut, und am Ende wären wir wieder gezwungen, die Geburt des allumfassenden Kapitalismus aus dem Geiste des Protestantismus zu erklären. Ergriffen hat mich an dem Artikel in der Tageszeitung besonders die Agonie der Bienen. Da ist von Völkern die Rede, die Hungers sterben, obwohl die Speisekammern gut gefüllt sind. Ist es überhaupt vorstellbar, daß diese unauffälligen neugierigen Tierchen, die jedes Jahr einen ganzen Sommer lang gemächlich von Blume zu Blume schweben und ganz nebenbei die Natur, die auf ihre Bestäubungsdienste angewiesen ist, aufatmen lassen, denen in all ihrer Niedlich- und Nützlichkeit sogar etwas Märtyrerhaftes eignet, da doch jeder weiß, daß der Gebrauch ihrer einzigen Waffe, des Stachels, sie zum Tode verurteilt, die alles immer fürs große Ganze geben, vor sich hin vegetieren? Es hat Menschen gegeben, die an dem Verhalten der Bienen den Zustand dieser Welt ablesen zu können meinten, für die der Auszug der Bienen einer Flucht der Ratten vom sinkenden Schiff gleichkommt. Indem die Tageszeitung solcherlei Fakten noch mit ein paar Informationen zu genmanipuliertem Pflanzenanbau und einigen daran anschließenden unliebsamen Fragesätzen garniert, bewegen wir uns, so schlußfolgere ich, auf der apokalyptischen Uhr nicht mehr nur – comme toujours – sehr nahe an der zwölften Stunde, sondern können fast schon den sprichwörtlichen day after tomorrow, deeskalierend gesprochen: das Übermorgen heraufdämmern sehen. Das Leben, ein Katastrophenszenario, weil die Bienen fortgehen. Und während die ebenfalls verschwindende Gilde der Imker nur ihre Bienen retten will, wollen andere gleich die ganze Welt vom Übel befreien. Worauf kann ich hoffen, der ich die ausgelesene Tageszeitung bereits zum Altpapier gelegt habe? Auf das Land, in dem Milch und Honig fließen?


Patrick Wilden, 26. Mai 2007
ID 3252






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