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Während ich dies hier schreibe, fliegt eine Fliege ihrer Wege, wie das gewöhnliche Schmeißfliegen eben so tun, wenn sie gerade keinen Ort wie ein schwitzendes, mit nährreichem Dreck getränktes Kuhfell haben, wo es ihnen gefällt.
Nachdem sie ihren Rayon zwischen Sonnenwiese, Parkbänken und Biergartentischen zweimal durchkämmt hat, läßt sie sich auf einem geriffelten, gelb, braun und beige schillernden Gelände nieder, dessen Duftstoffe ihre Aufmerksamkeit erregt haben. Der Untergrund ist weich und süß und schmeckt ihr, wie sie nach einigen Tupfern mit ihrem Rüssel feststellt, ganz ausgezeichnet. Aus menschlicher Sicht würde ich sagen, es handelt sich dabei um ein ordentliches Stück Apfel-Rahm-Kuchen, das ein Biergartengast gerade während des Schreibens gemessen vertilgt. Aber das kümmert unsere Fliege nicht. Sie nimmt ein paar Rüssel voll, wie es ihre Art ist, aber dann huscht ein schwarzer Schatten über sie hinweg, und weil sie eine umsichtige und disziplinierte Fliege ist, verläßt sie routiniert das Kuchenstück, auch wenn es ihr schwerfällt.
Sie landet ganz in der Nähe auf einem geschwungenen Grat, an dessen Steilwand interessante bräunlich-weiße Tropfen und Schaumkronen haften, die die Fliege sogleich mit ihrem Rüssel sondiert. Sie wundert sich noch über das merkwürdig bitter-süße Aroma, als wieder der schwarze Schatten, diesmal bedrohlich dicht, über den Kaffeetassenrand, auf dem sie sitzt, hinweg huscht und sie auffliegen läßt.
Aber sie ist schon auf den Geschmack gekommen, und als geschulte Schmeißfliege, die um ihre sprichwörtliche Hartnäckigkeit weiß, beschließt sie zu bleiben. Und weil sie schon gemerkt hat, daß der Schatten nie zugleich über das süße Territorium und die bittersüßen Schaumkronen fegt, springt sie nun immer hin und her und tupft schmatzend die leckeren Substanzen auf, auf denen sie sich in aller Eile niederläßt.
Irgendwann - ich bin schon ganz erschöpft vom ewigen Wedeln mit dem Handrücken - wird ihr die Sache langweilig. Ihr Rayon ist schließlich groß genug, um überall etwas Naschhaftes zu finden. Aber ein kurzer Flug über das Biergartengelände zeigt ihr, daß an den übrigen Tischen gerade keine Kuchen, Eise oder Milchkaffees konsumiert werden, sondern nur eine klebrige helle Flüssigkeit, in der, wie sie aus dem Geschichtsunterricht weiß, schon viele ihrer Rasse ersoffen sind.
Mittelprächtig enttäuscht fliegt sie zurück und landet dicht über dem Erdboden auf einer geschwungenen, aber relativ glatten Oberfläche, die ihr ausgesprochen gut in den Kram paßt: sie ist warm und schmeckt, nach all den Süßspeisen, erfrischend nach Salz. Daß sich der Untergrund stetig, manchmal ruckartig bewegt, während sie mit gezielten Tupfern ihres Rüssels winzige Schweißpartikel aus den Haarporen meines rechten Fußes tupft, stört sie nicht. Im Gegenteil: ein bißchen Bewegung spornt die Geschicklichkeit an. So geht das eine ganze Weile, der Fuß rollt hin und her, und die Fliege hüpft gierig von Pore zu Pore.
Irgendwann ist Stillstand. Endlich, denkt die Fliege und nuckelt genüßlich an einer Hautpore meiner Ferse. Sie ist schon so berauscht, daß sie den neuerlichen Schatten nicht bemerkt, der mit einem stumpfen Klatsch auf ihr niedergeht.

Mit zerquetschtem Körper und gebrochenen Flügeln fällt die Fliege in den Staub. Endlich bin ich das lästige Insekt los.



Patrick Wilden, 27.Juni 2003




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