Als Herr Jedinatschek eines Abends von seiner Arbeit, einem ganz gewöhnlichen Bürojob in einem ganz gewöhnlichen Bürohochhaus mit ganz gewöhnlicher Spiegelfassade, nach Hause kam, fand er einen großen wattierten Umschlag im Briefkasten. Er kam, wie er sofort am Aufkleber erkannte, von der Telefongesellschaft, und Herr Jedinatschek wunderte sich, denn für gewöhnlich schickte ihm die Telefongesellschaft nur die Telefonrechnung und dafür benötigte sie, selbst wenn sie hoch war, nur einen gewöhnlichen Umschlag mit Sichtfenster. Er stampfte mit dem Umschlag in der Hand die acht Treppen zu seiner Mietwohnung hinauf – der Aufzug war noch immer defekt –, während er darüber nachsann, was wohl darin enthalten sein konnte. Seine Frau war ausgegangen und die Kinder beim Sportverein oder beim Geigenunterricht – er kam immer ein wenig durcheinander mit ihren Verpflichtungen –, und so öffnete er, nachdem er Hut und Überzieher an den Haken gehängt und die Aktentasche in die Ecke gepfeffert hatte, wo er sie nach der Arbeit immer hinpfefferte, den Umschlag von der Telefongesellschaft eben allein.
Ein wenig befremdet zog Herr Jedinatschek, nachdem er die komplizierten Plastiklaschen mithilfe einer Schere zerschnitten hatte, eine Videokassette aus dem Umschlag, auf die neben bunten Werbemotiven die Worte „Das war Ihr Leben“ gedruckt waren. Herr Jedinatschek war ratlos. Was sollte das für eine eigenartige Kundenwerbung sein, noch dazu mit einer altmodischen Videokassette? Er überlegte schon, ob sich jemand mit ihm einen Scherz erlaubt hatte und er die ganze Sendung unbesehen in die Mülltonne werfen sollte. Doch schließlich siegte die Neugier, und er machte sich daran, den alten Videorecorder, den er zum Glück noch nicht, wie er es vorgehabt hatte, seinem Sohn geschenkt hatte, wieder flottzumachen.
Er brauchte eine Weile, bis er dahinter kam. Zunächst wurde ein kleiner Junge gezeigt, der auf einer Dorfstraße spielte, mit seinen Kameraden über Wiesen lief und sich in Heuschobern versteckte. Er kannte die Kulisse, auch wenn sie ihm merkwürdig entrückt erschien: es war das Dorf, in dem er groß geworden war. Ja, mit einem Mal war es ihm, als hätte er wieder den Geruch in der Nase, den die Wiesen an einem Spätsommerabend verströmten, wenn sich der Tau bereits auf sie zu legen begann. Doch der Film lief weiter. Herr Jedinatschek erkannte seine Schule wieder, Lehrer liefen durchs Bild, die er gehaßt hatte. Ein blondes Mädchen tauchte auf, das allerliebst lächelte, während sie die Hände nach ihm ausstreckte. Sie drehten sich im Kreis – und mit einem Mal befanden sie sich mitten zwischen den winkligen Gebäuden der Universitätsstadt, wo Herr Jedinatschek studiert hatte. Düstere Seminargebäude säumten eine Ausfallstraße, und vor einem typischen Mensagebäude standen lange Schlangen. Dann kam wieder eine neue Sequenz, die Herrn Jedinatschek und seine schwangere Braut auf dem Standesamt zeigte. Bald schon erschienen Kinder, die mit ihrer Mutter für ein Familienportrait posierten. Weitere Einstellungen zeigten Herrn Jedinatschek neben seinem Auto und auf seinem Handtuch an einem Strand auf Korsika liegend, wo sie in den letzten Jahren oft Urlaub gemacht hatten. Das Bürohochhaus, in dem er arbeitete, tauchte plötzlich auf, Kollegen standen herum, sein Vorgesetzter blickte gekünstelt streng. Auch die Kollegin mit dem Muttermal am Hals, für die Herr Jedinatschek in letzter Zeit eine kleine Leidenschaft entwickelt hatte, war zu sehen. Sie lachte und streckte die Hände nach ihm aus, gerade so, wie es Herrn Jedinatscheks Frau getan hatte, als sie noch gemeinsam zur Schule gingen.
Auf einmal brach der Film ab, und er sah nur noch Schnee auf dem Bildschirm. Herr Jedinatschek wollte schon ausstellen, als sich der Film noch einmal fing und eine Beerdigung zeigte. Die Menschen trugen eigenartige Anzüge und Kostüme und fuhren in merkwürdigen Autos vor dem städtischen Friedhof vor. Eine Frau stand am Grab – es war seine Frau, eine Greisin von bestimmt achtzig Jahren…
Herr Jedinatschek schaltete den Recorder aus, verdattert und empört. Das erste, was ihm einfiel, war, bei der Telefongesellschaft anzurufen und sich über diese Geschmacklosigkeit zu beschweren. Er wählte die Freecall-Servicenummer, die auf dem zerfetzten Umschlag angegeben war. Es knackte ein paarmal in der Leitung, dann sagte eine lakonische Stimme: „Sie werden gleich bedient.“
Patrick Wilden, 9. Februar 2006 ID 00000002240
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