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Die Zahl fünf birgt ein schönes, kleines Geheimnis. Darin steckt keine große Welterkenntnis, aber zur Zeit könnte das Wissen um das Geheimnis für manch einen Labsal bedeuten.
Doch zuvor müssen wir noch auf etwas mit dem Finger weisen: auf dieses ewige Gejammer in allen Zeitungen, Druck- wie Datenerzeugnissen, über die Vorweihnachtszeit. Alle sich als mit Zeitgeist beatmete Kulturwächter gebärdenden misanthropischen Feuilletonschreiber schlagen ein aufs Christkind und den Weihnachtsmann und auf die Menschen, die sich von ihnen angezogen fühlen.
Mein Gott, als hätten wir’s nicht inzwischen mal kapiert, daß jedes Jahr im Dezember, am vierundzwanzigsten genauer gesagt, allüberall die große Geschenketombola stattfindet. Um diese auch tatsächlich mit großer Zeremoniosität und stetig weiter ins Gigantische wachsendem Aufwand betreiben zu können, müssen die Menschen eben in Kaufhäuser rennen. Die sind ja auch genau dazu da, um zu kaufen: Empfangsgeräte für telegene Seifenopern, Duftwässerchen mit Aufdruck des Hochzeitsdatums, elektronischer Spielkrimskrams zur Anregung der Synapsentätigkeit bei Kleinkindern – das volle Programm eben. Schon um dem Druck, der auf einem in dieser finster-fiesen Dezemberzeit lastet, standhalten zu können, ist das Abtöten der Geistestätigkeit durch lauwarmen Rotwein, Gammelfleischwürstchen und bittersüßen Gewürzkuchen Pflichtprogramm. Darüber wird natürlich auch viel gesprochen, die Verkäufer in den Läden sagen außer dem üblichen „Geheimzahl eintippen und zweimal bestätigen“ zu wildfremden Kunden nie so viele Silben hintereinander – „ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Rutsch ins neue Jahr!“ – wie im Advent.
Und außerdem – was wäre, wenn wir uns in dieser grauslig windigen und kalten Zeit des Jahres nicht mit dem Kauf von Gegenständen oder der Produktion von Plätzchen fit hielten? Was wäre dann, hm? Bestimmt wäre, aufs Jahr gerechnet, der Prozentsatz der alten, kranken und vereinsamten Leute, die einfach an schlechter Laune sterben, noch höher als im November. Wir können also gar nicht heraus aus diesem System, aus dem mit Tannenzweigen, Sternen und goldenen Kugeln verzierten Käfig, in dem wir doch so schön mit Apfel, Nuß und Mandelkern gefüttert werden.
Aber wer unbedingt Spielverderber sein möchte, der kann sich ja auch jetzt schon die Zahl fünf in Erinnerung rufen. Diese steht in unseren auf Viererrhythmen, Vier-Räder-Vehikeln und die vier Buchstaben abonnierten Breiten bekanntlich für das Ungerade, das Besondere. Ich erinnere nur an die Redensart von den „fünfen“, die man „gerade sein lassen“ solle, an das „fünfte Rad am Wagen“ oder auch an die bald anbrechende „fünfte Jahreszeit“ – in der mancherorts das Spielchen mit den Rauschmitteln gleich weitergespielt wird. Und für einige hilft auch in der Vorweihnachtszeit nur die Vorstellung, daß bald „das fünfte Kerzlein brennt“ – dann nämlich, wenn man „Weihnachten verpennt“ hat. Und ich kann mir vorstellen, daß manch überforderte Konsumkindsmutter, manch genervter Playstation-Verkäufer, manch gefrusteter Kolumnenschreiber schon sehnsüchtig daran denkt, sich dem allgemeinen Kauf-, Freß- und Schenktaumel bald entziehen und endlich das fünfte Kerzlein anbrennen zu können.
Und ich kann nur sagen: Recht so. Aber beklagt euch bitte nicht, daß es im Januar so einsam, grau, kalt und öde ist.
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Patrick Wilden, 16. Dezember 2005 ID 2177
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