Manchmal, wenn ich so reise in die „größte Stadt Sachsens“, wie sie kurz vor der Einfahrt in den gigantomanischen Hauptbahnhof von einer mit naivem Stolz erfüllten Zugführerin per Lautsprecher angekündigt wird –, dann denke ich: Was hätte wohl Clara Zetkin am ersten September gemacht, an dem Tag, an dem „seit fünf Uhr fünfundvierzig zurückgeschossen“ wurde – wenn, ja wenn sie überhaupt noch am Leben gewesen wäre? Ob sie wohl auch in den Clara-Zetkin-Park gegangen wäre? Mit einem Hundchen an der Leine und einer Eistüte in der Hand? So säße sie womöglich auf einer der überall verstreuten Bänke, die Zeitung neben sich, das Extrablatt, das die Kriegserklärung als Antwort auf den inszenierten Überfall auf den Gleiwitzer Sender bejubelt, und würde sich ihr Teil denken. Es wäre ein sonniger Tag, Radfahrer und Jogger überall, kleine Familien, die den Zimmergrill mitgebracht haben und in ihren Bikinis Fußball spielen. So eine angenehme Bewegung herrschte im Clara-Zetkin-Park an diesem ersten September, sagen wir, so gegen vier Uhr fünfundvierzig nachmittags. In den Verlagen wären die Lektoren schon nach Hause gegangen. Nur die Drucker säßen noch herum und ölten ihre Maschinen, spannten Druckbogen ein für neue Pamphlete, für neue Extrablätter, die es dann am nächsten Morgen zu lesen geben würde. Es ist natürlich ganz klar, daß Clara Zetkin, die Sächsin aus Wiederau, die einige Monate nach der Machtergreifung in Archangelskoje in ansehnlichem Alter starb, die sich jedoch für uns selbst überlebt hat –, es ist ganz klar, daß die brave Kommunistin und Ex-Alterspräsidentin des Reichstags in die vermaledeite Zeitung nur ihre Stullen gewickelt hätte, die sie inzwischen alle verdrückt hätte. Grillqualm zöge plötzlich zu ihr herüber, also würde sich die alte Dame erheben und gemäßigt und immer leicht den Kopf schüttelnd – weniger über die „heutige Jugend“ als aufgrund ihres Alterstatterichs – über die Sachsenbrücke in Richtung der Parkbühne an der Reitbahn Scheibenholz spazieren, wo sie umgeben von pensionierten Zockern bei dem warmen Wetter ein nachmittägliches Sturzbier zu trinken pflegte. Die alten Herren hätten wie immer ihre Konten geplündert und die kargen Renten in Form von 50-Euro-Scheinen vor sich auf den Tisch gestapelt. So würden sie spielen – Clara Zetkin versteht natürlich nichts von Glücksspiel, war es Siebzehn und Vier? –, Schein um Schein wanderte in die „Bank“, die von einem schmierigen, jüngeren Individuum verwaltet würde, dem sie abends nicht allein im Park begegnen möchte. Die alte Frau würde den Kopf schütteln, nun etwas energischer, während sie an ihrem Schwarzbier nippte. ‚Was wird wohl noch alles mit diesem Lande geschehen‘, dächte sie vielleicht so vor sich hin. ‚Ob der Sozialismus am Ende doch noch obsiegen wird?‘ Und just in diesem Moment käme ein Mann mit einer albernen blonden Matte und einem braungebrannten, verlebten Gesicht in einem Sportwagen angefahren, dessen Verdeck gerade dabei wäre, sich automatisch zu schließen, während er mit quietschenden Reifen vor der Bierschwemme hielte, so daß die Glücksspieler die Hälse reckten. Er stiege aus, natürlich wäre er viel zu klein geraten für sein Auto, wie die alte Dame mit sicherem Blick feststellen würde, und verschwände breitbeinig einher watschelnd zwischen den Tischen. „Was hab ich nur für ein Glück“, würde Clara Zetkin halblaut zu sich selbst sagen und ihren Plastikbecher auf einem Zug leeren, „daß ich das alles nicht mehr erleben muß.“
Patrick Wilden, 31. August 2005 ID 2038
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