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Die Nacht schritt voran. Blum wußte schon, daß er über die Zeit war, als er gegen zwei Uhr im Morgennebel die Stufen zu seinem frischen Appartement am Strausberger Platz hochstieg. Aus den Wänden dampfte das Wasser, der noch feuchte Estrich gab schmatzende Geräusche von sich, als er seine Wohnung durchmaß, und der Gichtknochen, der ihn jahrzehntelang verschont hatte, begann wieder seine schauerliche Musik.
Unten randalierten ein paar Betrunkene, Blum hörte ihre Schreie zwischen den Bauruinen verhallen. Es hatte alles so schön angefangen, als er damals in einem Antiquariat in Chapelizod dieses Buch über das „Neue Bauen“ gefunden hatte. Es war der 16. Juni 1904 gewesen, er wußte es noch ganz genau, exakt neunundvierzig Jahre und ein paar Stunden trennten ihn von dem sensationellen Fund, der seinen weiteren Lebensweg bestimmen sollte: Chefpflasterer auf der Dame Street, zweiter Oberbombenbastler bei der Brotherhood, konspirative Auftritte als Kommissar für Lebensreform der Komintern während der Somme-Schlacht. Er hatte alle großen Häuser des Jahrhunderts mitentworfen, hatte Staatenlenkern beim Bau von Autobahnen die Hand geführt – immer mit dem „Neuen Bauen“ unter dem Kopfkissen. Seine letzte Extremsituation hatte er als Brückenbauer zwischen den Fronten im Hürtgenwald erlebt.
Doch er war alt geworden. Als er sich auf die Pritsche warf, merkte Blum, daß eine seiner zahllosen vernarbten Wunden wieder zu schwären begonnen hatte. Vielleicht hätte er die letzten drei Herrengedecke, die er mit dem Polier Schmidtke einzunehmen pflegte, heute einmal ausschlagen sollen? Schwer atmend lag er auf seiner Bettstatt, und vor seinem geistigen Auge flimmerte mit einem Mal sein alter Freund Stephen, mit dem er seinerzeit den Fund von Chapelizod saufend und wasserlassend gefeiert hatte.
„Introibo“, sprach das Gespenst, das ihn im Fieberschlaf verfolgte, „ad altarem dei.“
„Hä?“ entfuhr es ihm im Traum.
„Das war ein großer Tag für dich, Blum. Ein Mittwoch – der einzige Wochentag, der noch keinen anständigen Namen hat. Wir wollen ihn Blumstag nennen...“
Blum wälzte sich auf die andere Seite. „Montag, Dienstag, Blumstag“, begann das Wesen von neuem. „Montag, Dienstag, Blumstag. Montag, Dienstag, Blumstag...“
Panzerlärm und erste Maschinengewehrsalven rissen ihn aus dem Morgenschlummer. Das Jahrhundert war schließlich noch nicht um, und er ging nachsehen, wen die Sowjets nun wieder massakrierten.
Patrick Wilden, 17. Juni 2004
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