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Patrick Wildens jour fixe



Gelegentlich muß man, um auf Touren zu kommen, aus dem Nähkästchen plaudern. Es ist jedenfalls immer ein schöner Anfang, mit einer Redewendung zu hadern. Betrachtet man nämlich dieses Nähkästchen so wie ein großes deutsches Wörterbuch, müßte man diesem Kasten zur Aufbewahrung von Nähgarn, Nähnadeln und anderen Nähzutaten, um plaudern zu können, eben jene Nähutensilien entnehmen. Man könnte natürlich auch mit den Schildbürgern behaupten, daß man, wenn man aus dem Nähkästchen plaudert, ein Nähkästchen meint, welches nur mit Wörtern gefüllt ist. Und es bliebe zu klären, ob das Nähkästchen ein genaues Synonym des Nähkörbchens ist und das Deutsche Universalwörterbuch A–Z (Zweite völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage 1989, Seite 1059) recht hat mit seiner Behauptung, man könne auch aus dem Nähkörbchen plaudern. – –
Aber egal. Nach diesem preludio könnte ich nun tatsächlich ein bißchen aus dem Nähkörbchen plaudern. Es ist ein feuchter Maiabend, und manch einer hat um diese Zeit schon ein paar Bier intus. Bei mir ist das, ganz im Vertrauen, nicht der Fall. Aber ich gebe zu, ich habe heute schon daran gedacht: als ich so gegen zwei Uhr nachmittags im Vorüberfahren die Jungs vor dem Bier-Outlet an der Dürerstraße stehen sah, in der Hand jeder eine Flasche und auf dem Mülleimerdeckel im Hintergrund schon ein ansehnliches Arsenal geleerter Düsen. Wohlgemerkt: die jungen Herren sahen nicht abgerissen aus. Vor dem frischen Mairegen, der mich auf dem Fahrrad naß machte, hatten sie sich unter ein Vordach geflüchtet, wo sie vielleicht ein bißchen breitbeiniger und großmäuliger als sonst herumstanden und sich mit ihren Flaschen beschäftigten. Wahrscheinlich hatten sie ihr erstes Tagessoll schon erfüllt, während meines noch vor mir lag.
Als ich vor zwei Jahren im Hamburger Schanzenviertel erstmals bewußt das zeitgeistige Jungvolk mit Beck’s Gold im Anschlag durch die Straßen promenieren sah, dachte ich noch, es handle sich um eine hanseatische Spezialität. Inzwischen – und nach diversen passiven wie auch aktiven Selbstversuchen in Berlin und Dresden – weiß ich: Bier (= aus Malz, Hopfen, Hefe und Wasser gegorenes, kohlensäurehaltiges, würziges, leicht alkoholisches Getränk, ebenda, Seite 258) ist ein auch im öffentlichen Leben weithin akzeptiertes Zivilisationsgetränk, und mit so einer Flasche als Begleiter lassen sich die vielen einsamen Wege in der Postmodernität viel schneller und direkter zurücklegen. Auf Straßen und Plätzen, in U-, S- und Straßenbahnen – überall kommen einem coole, kaum gealterte Menschen entgegen, die mit der Flasche spazierengehen, in der das „würzige, leicht alkoholische Getränk“ vor sich hinschaukelt.
Und da denke ich: Ist es nicht toll, in was für einer harmonischen Welt wir leben? Eine Leichtigkeit liegt über allem, der Sommer ist nahe. Die Menschen lieben einander, alle plaudern angeregt – die einen aus dem Nähkästchen, die anderen aus dem Nähkörbchen –, und nicht nur die Gute-Laune-Kinder aus der Kinowerbung haben sich schon ihre Bierflasche in der Strandhütte geholt. Da fällt es dann gar nicht weiter auf, wenn in der Großstadt gelegentlich ein Radfahrer laut aufflucht, weil aus seinem Hinterreifen, mit dem er eben in eine unsichtbare, bissige Scherbe gefahren ist, die Luft entweicht... (Das nur, um die Sache zu einem nachdenklichen Ende zu bringen, das alle angeht.)


Patrick Wilden, 18. Mai 2006
ID 2406




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