Neulich fuhr ich nachts mit dem Auto durch die Stadt und hörte Radio. Es galt, einen Freund vom Bahnhof abzuholen, der sich mit einem verspäteten Bummelzug durch die halbe Republik gequält hatte, um mich zu besuchen. Im Radio lief eine Reportage über die heutige Arbeit der Bergleute im Ruhrgebiet und am Niederrhein, Regionen, denen ich zwar räumlich fern gerückt bin, mit denen ich mich aber familienbedingt verbunden fühle. Zunächst hörte ich nur halb hin, dachte so etwas wie: „Ruhrgebiet und Bergbau – redundant!“ Mit der Zeit aber sickerten die unaufdringlich geschilderten Entwicklungen und die in allen dialektalen Färbungen des Landes Nordrhein-Westfalen geäußerten Statements der interviewten Fachleute, Techniker, Steiger in mein Ohr. Und was war das Fazit dieser nachmitternächtlichen Sendung? Das Land NRW existiert nur noch auf Pump. Die Regionen, in denen die Wurzeln meiner Familie liegen, würden, wenn nicht eine kaum bezifferbare Anzahl an irgendwo unter der durchlöcherten Erde installierten Wasserpumpen bis in alle Ewigkeit die aus ihrem natürlichen Rhythmus gebrachten Wässer aus den Stollen und Schächten saugten, schlicht und ergreifend absaufen. Setzten die Pumpen einmal aus, stiege der Grundwasserspiegel exorbitant, und bräche dazu noch der Rheindeich bei Alpen, gäbe es anstelle dicht besiedelter postindustrieller Stadtlandschaften ein neues Seenparadies – und zwar ebenfalls bis in alle Ewigkeit. Dem Freund, den ich dann tatsächlich wie erhofft rauchend im Ablicht der Südseite des Bahnhofs vorfand, erzählte ich nichts von den düsteren Aussichten einer der Kernregionen unseres Landes. Wenige Tage später standen wir in einem unweit gelegenen, kleinen romantischen Gebirge auf einer Sandsteinklippe und blickten in die Runde. Zweihundert Meter unter uns erstreckte sich ein Wald bis zum Horizont, der nach links hin von kegeligen Bergen, rechts in einiger Entfernung von einem breiten Höhenkamm begrenzt wurde. Weitere Sandsteinklippen in irren Formationen, nach denen man die Hände ausstrecken wollte, ragten in der Nähe auf. Die eher gedachte Linie der Staatsgrenze zickzackte quer durch diese Landschaft hindurch, der Blick nach Böhmen war offen. Weit und breit kein Mensch. Gewitter kündigten sich an, zogen dann aber doch um uns herum. Wir rezipierten und rezitierten einen als Wanderlektüre mitgeführten Text über den Spreewald, einer wasser- und mückenreichen Gegend, in die die Reise eigentlich hätte gehen sollen, und amüsierten uns über die „Spreewaldloreley“, von der darin die Rede war. Es ist so schön absurd, an einem heißen Julitag auf der Spitze des Zschirnsteins zu stehen und sich vorzustellen, wie man, in einem alten Ruderboot sitzend, die Beine immer halb ins dunkelgrüne Wasser der Spreekanäle getaucht, von einer blondierten Frau mittleren Alters ein Andenkenfoto angedreht bekommt. Einige Tage später – der Freund war wieder abgereist – geriet ich nach Bonn, in diese gemütliche, hübsch einbetonierte verhinderte Hauptstadt am Rhein – und mir war nicht wohl dabei. Abends saß ich mit Freunden in einem Biergarten über dem Fluß. Gewitter kündigten sich an, zogen dann aber doch um uns herum. Ich bewunderte wieder einmal den riesigen eingedeichten Wasserlauf – und im Untergrund hörte ich die Pumpen rumoren, mit denen der Pegel des Landes bis in alle Ewigkeit künstlich niedrig gehalten wird. Eigentlich, so dachte ich, steht uns das Wasser längst bis zum Hals. Der echten Loreley begegnete ich tags drauf nach langer Zeit einmal wieder, bereits auf der Rückfahrt entlang der alten Eisenbahnstrecke am Rhein. Eher kümmerlich lag der schroffe Felsen dort, und ich merkte, wie sich ganz allmählich eine leichte Sehnsucht in mir ausbreitete nach festem, trockenem Grund unter meinen Füßen, mit einem weiten, offenen Blick nach Böhmen.
Patrick Wilden, 26. Juli 2008 ID 3935
|
|
Anzeigen:
Kulturtermine
TERMINE EINTRAGEN
Rothschilds Kolumnen
ANTHOLOGIE
INTERVIEWS
KULTURSPAZIERGANG
MUSEEN IM CHECK
THEMEN
= nicht zu toppen
= schon gut
= geht so
= na ja
= katastrophal
|