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Die Sommermärchen werden in unserem Land im Winter erzählt – es muß nur erst richtig Winter werden. Ich habe in diesem Jahr bereits im August damit begonnen, dem Sommer nachzuweinen, und es scheint, als hätte dieser meine Klagen erhört. Zuerst benebelte er uns mit warmen Septembertagen den Blick, die Altweiber kamen noch einmal richtig in Wallungen und erntedankten der kaum versiegenden warmen Jahreszeit mit frischgemähtem Hochprozentigen ihre Freundlichkeit. Und dann drehte die Sonne gar noch einmal richtig auf, brachte landauf landab die Marathonläufer nicht nur ins Schwitzen, sondern auch neuen Höchstleistungen näher, wie ich als Dresdner Garderobier für die provinzielle Avantgarde des Laufsports feststellen konnte. Noch vor wenigen Tagen konnte man von der sengenden Oktobersonne auf dem Balkon einen Sonnenbrand kriegen, wenn man nur die halbe Zeitung dort las. Parallel dazu sind wir in den Kinos jüngst noch einmal daran erinnert worden, wie schön das Wetter war, als die Franzosen im Juli Vizeweltmeister im Fußball wurden und unsere Jungs, dank Sönke Wortmann, Dritte. Doch nun ist thematisch erst einmal Heinrich Heine dran: es scheint, als komme er tatsächlich, der erste Frost, womöglich sogar der erste Schnee; als werde es wirklich Winter. Da war neulich nach den – kurzen – Sonntags-Tagesthemen wieder diese blonde Wetterprophetin dran, die mit hochwertigen Diagrammen eindrücklich belegte, wie die Durchschnittstemperatur am kommenden Mittwoch binnen zwölf Stunden um zehn Grad sinken wird. Man mußte ihr das einfach glauben. Es kann ja auch nicht sein, daß dieser Sommer immer und immer wieder kommt. Am Ende sind wir noch gezwungen, uns wirklich über Erderwärmung und Klimawandel den Kopf zu zerbrechen, wie wir das ja auch schon über Gesundheitsreformen und drohende Rauchverbote in Gaststätten gewohnt sind. Wie soll man sich denn das „Sommermärchen“ rund um die deutsche Fédération-internationale-du-football-association-Weltmeisterschaft (Obacht bei der korrekten Erwähnung dieses Ereignisses; die Justiz schläft nie!) im Kino erzählen lassen, wenn im November auf den Caféterrassen 20 Grad herrschen? Nein, schon um des Märchenhaften dieses Sommers willen wird es Zeit, daß wir uns zusammennehmen, uns einen Bissen Reformationsbrot in den Mund schieben und mit so einer unpraktischen, aber kultigen Kürbislaterne in die dunkle Jahreszeit hineinleuchten. Um Zeichen zu setzen, habe ich mir dazu das passende Haarwaschmittel gekauft. Es nennt sich „Anti-Rückfall“ und verhindert, wie die Firma auf der Packungsbeschriftung mit interessanten graphischen Darstellungen glaubhaft versichert, die Neubildung von Schuppen bei stetiger Anwendung bis zu vier Wochen lang. Ich bin fest entschlossen, die Behandlung zu beginnen und nicht eher darin nachzulassen, bis sich die avisierten Erfolge einstellen und vom Sommer nur noch eine verschwommene Vorstellung übrig geblieben ist.
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Patrick Wilden, Dienstag, den 31. Oktober 2006 ID 2773
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