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Ich könnte nun beginnen mit den Erörterungen über das „Sommerloch“. Das ist diese in regelmäßigen Abständen wiederkehrende Informationsflaute, die damit zusammenhängt, daß im Juli und August nicht nur Politiker, sondern auch Journalisten im schulpflichtigen Alter ihre Sommerferien genießen. Es gibt nichts zu schreiben, außer übers Sommerloch. Man merkt es auch an den Artikeln und Kolumnen, die man so landläufig in seiner Tageszeitung zu lesen bekommt: ein paar müde Krieger auf Radsätteln, die hinter Lance Armstrong hereiern, zieren seit Wochen die Seite eins. Und um die Wahlentscheidung unseres geliebten Präsidenten, der ohnehin nur das ausführen darf, was die Regierung oder das Parlament beschließen, wird ein Wirbel veranstaltet, als stehe das Land kurz vor dem Zusammenbruch. Dabei scheint ohnehin schon jeder zu wissen, wie diese Wahl ausgeht, also wozu dieser Firlefanz?
Aber das ist es ja eben: kein Sommerloch ohne Firlefanz, damit wenigstens die paar Zeitungsleser, die ihr Abo nicht über die Ferien ruhen lassen oder einem braven Knasti zur Verfügung stellen, was zu lachen haben. Natürlich soll auch der Knasti lachen können – zum Beispiel über unseren geliebten Präsidenten, der seine Entscheidung sicherlich nur deswegen so hinauszögert, weil er selbst in der Zwischenzeit, während er nachdenkt, angeln geht. Oder planschen an heißen Mittelmeerstränden, um sich anschließend, ganz wie in der Alten Welt, von einem wohlriechenden Club Med-Animateur mit dem Palmwedel Luft zufächern zu lassen. Charles Baudelaire hat das in seiner «Vie antérieure» schon 1861 sehr schön beschrieben:
C’est là que j’ai vécu dans les voluptés calmes,
Au milieu de l’azur, des vagues, des splendeurs
Et des esclaves nus, tout imprégnés d’odeurs,
Qui me rafraîchissaient le front avec des palmes,
Et dont l’unique soin était d’approfondir
Le secret douloureux qui me faisait languir.
Vielleicht richtet sich die Sehnsucht unseres geliebten Präsidenten, von der im Gedicht die Rede, aber auch auf so ein wunderschönes Objekt wie das, dessen Foto mir ein Freund aus der Zeitung ausgeschnitten und kürzlich bei einem Besuch überreicht hat. Zu sehen ist darauf ein – inzwischen abgehalfterter – Potentat aus Zentralafrika, der auf seinem Thron thront. Es ist jedoch nicht irgendein Thron, es ist ein goldener Adlerthron! Was fiele unserem geliebten Präsidenten zu solch einem Adlerthron nicht alles ein: der kürzlich in Gleneagles beschlossene Schuldenerlaß für Afrika zum Beispiel oder gar der bundeseigene Wappengreifvogel, dem man – wie übrigens auch dem eigenen Job – mit so einem Thron im Bundespräsidialamt endlich ein bißchen mehr herrschaftliche Repräsentanz verleihen könnte...
Aber das sind natürlich alles nur Spekulationen, die leider, leider, wie das jedes Jahr aufs neue so geht, im schwarzen Loch der Sommerflaute verschwinden. Und ich kann langsam daran gehen, mir Gedanken für den nächsten Text zu machen, den ich diesem hier in das Loch hinterherwerfe.
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(c) Der Spiegel
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Patrick Wilden, 21. Juli 2005 ID 1972
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