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Haben wir zur Nacht gebetet? Nein, wir haben Bücher gerade gerückt. War ich glücklich? Nein, ich genoß nur des Staubs, einen Meter fünfzig über Fußbodenhöhe. Ich niese berufsmäßig ungefähr fünfundachtzigmal am Tag. Doch schieße ich schnellstmöglich mit Oberflächenreiniger in Richtung der Wollmäuse, die sofort zerfallen und sich als schwarze Schmiere in dem Stück Küchenrolle in meiner Hand niederschlagen. Gestern erst jagte ich auf diese Weise im Bibliothekswesen, dann im Buchwesen, nächsthin im Verlagswesen, um endlich am Hochschulwesen zu scheitern, wo die Staubwürmer weiterhin ihr Unwesen treiben. Heute schließlich stehe ich in der Musik. Von der Leiter herab sieht die Welt dann gleich viel freundlicher aus. Menschen schauen zu mir auf, wenn sie sich vertrauensvoll an mich wenden. Und mein ernstes und aufrichtiges Bestreben ist es jedesmal, die Balance zu halten, diesen schmalen Grat jeden Tag aufs neue entlang zu wandern, mich aufzuschwingen in luftige Höhen und auf Gedankenblitzen zu reiten, die mir dort droben, einen Meter fünfzig über dem Fußboden in der Regalwand kommen. Manchmal kommt mir auch statt der Wollmäuse ein Zettelchen aus einem Büchlein entgegengeraschelt. Es trägt den Kopf „Deutscher Demokratischer Rundfunk“ und darunter „Träger des Vaterländischen Verdienstordens in Gold“, und man wagt nicht nur aus gesundheitlichen Gründen kaum, Luft zu holen, sondern ebensowenig, sich zu fragen, ob Radio DDR tatsächlich einen Verdienstorden erhalten konnte, ob die Träger eventuell die beiden maschinenschriftlich unten erwähnten und mit Autograph vertretenen Herren Zengel und Richter von der „Red. Ernste Musik“ sind oder wer von beiden nun der Träger besagten Ordens sein könnte. Vorsichtig interessiert beginnen wir in dem Schreiben an Herrn Knobloch in Zittau – einem jener Orte ohne Westfernsehen – zu lesen. „Sehr geehrter Herr Knobloch! Wir freuen uns, Ihnen mitteilen zu können, daß Sie in unserer Sendereihe ‚Nie sollst du mich befragen‘ einen Buchpreis gewonnen haben. Das Buch geht Ihnen mit gleicher Post zu.“ Enttäuscht muß ich nun allerdings feststellen, daß sich das Preisbuch verflüchtigt hat und ich nur noch ein mageres Zeugnis einer vergangenen Zeit in Händen halte, das auf den Tag genau sieben Jahre vor meiner Geburt an einen eifrigen Radiohörer im östlichen Teil Deutschlands erging. Nach dem nachfolgenden, fast sinnenschwindenden Niesanfall, der ein bedenkliches Leiterbeben produziert, geware ich die freundlichen Gesichtszüge eines ungefähr fünfundvierzigjährigen gut gekleideten Herrn schräg unterhalb von mir. Besagter Herr erzählt mir nun in einem allerliebsten Akzent, er habe neulich nacht im Kulturradio, Abteilung „Ernste Musik“, beim Kreuzen auf der A4 ungefähr auf Höhe des Eisenacher Hörselbergs ein eigentümliches, musikunterlegtes Hörspiel genießen dürfen, in dem ein schmucker Rittersmann der in ihrem Berge residierenden Göttin der Liebe entsagt, um im Diesseits eine Frau letztendlich nicht zu kriegen. Er singt ihr zwar die herrlichsten und schweinischsten Liebeslieder, muß daraufhin aber nach Rom pilgern, und am Ende sind sie beide tot. ‚Wie kann man so blöd sein‘, denkt es unwillkürlich in mir, und ich verspreche, der Sache nachzugehen, lasse mir die Karte geben und lese mit einigem Erstaunen, daß ich Monsieur Pierre-Théodule Van Den Veenusbergh aus Brüssel, Inhaber der Boutique „Élisabeth“, vor mir habe. Aus dem nächsten Buch, nach dem ich, wieder allein, zum Entstauben greife, fällt mir wie durch ein Wunder eine Opernkarte für denselben Abend entgegen. Ehe ich dazu komme, mich darüber zu wundern, wie jemand so vorausschauend sein kann, ein Buch mit darin aufbewarten Opernkarten in ein Antiquariat zu geben, lese ich: Wagner, Tannhäuser. In der Hand halte ich das Libretto. Die Vorstellung beginnt bald, ich muß mich beeilen. Endlich kann ich von meinem Olymp herabsteigen. Der Tag ist inzwischen so grau geworden, wie der Staub, den ich mir nun von den Ärmelschonern klopfe.


Patrick Wilden, 4. November 2008
ID 4067






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