Erst fängt es ganz langsam an. Aufziehen der Vorhänge und Feststellen, daß der sonnige einem wolkigen September gewichen ist. Entlangtapsen eines dunklen Flures in Richtung Badezimmer, wo eine warme Brause auf den leicht verklebten Körper wartet; derweil Aufkochen des Kaffee- oder Teewassers in der Küchenzeile, welches man im Vorbeigehen in die Wege geleitet hat. Überall warmes Wasser, wohin die schlafgetrockneten Augen nur blicken können – Vorbote eines kühlen Oktobers, verhagelten Novembers und glühweinerlichen Dezembers. Doch unter der Einwirkung von Naß beleben sich die Körperregionen zusehends. Es folgen Einschäumen des Leibes und Abspülen des Schaumes, Beiseiteschieben des Duschvorhangs, Abrubbeln und Hineinschlüpfen in die vorbereitete Tageswäsche. Am Eßtisch stößt man auf die Frau, den Mann, den Hund, die Zeitung – eben den Partner, mit dem man zusammenlebt, der vielleicht schon das gekocht habende Wasser in die Kanne mit den gerösteten Bohnenkrümeln oder den fermentierten Blätterbröseln gegossen hat, und dies wird der erste schöne Moment des Tages sein. Derweil dem Aufziehen der Fenstervorhänge proportional entgegengesetztes weiteres Zuziehen des Himmels, was aber in der Beschäftigung mit der Tasse und der Zeitung auf, der Frau oder dem Mann am oder dem Hund unter dem Tisch nicht auffällt. Auch das bereits deutlich akzelerierte Tempo ist nicht weiter erwähnens- oder beklagenswert, denn noch befindet man sich ja im engen Geruchsradius der noch ungelüfteten Behausung, des noch unaufgeschüttelten Bettes und des allenfalls halb geleerten Heißgetränks.
Doch bald schon weht der Wind schärfer. Ein Blick auf die Uhr indiziert siebeneinhalb Minuten bis zur Abfahrt der Straßenbahn drei Straßen weiter. Für Rasur respektive Schönmachen am Garderobenspiegel und Zähneputzen verblieben 27 Sekunden, Anziehen der Schuhe und Jacke und Umhängen der Aktentasche erfolgen in weiteren 9 Sekunden. Eine gute Minute später hastet man schon die staubige Straße entlang durch den sich weiter stetig verdunkelnden Morgen. Als erstes fällt einem nun, da man wie gebannt die Verkehrsampel am Ende der Straße fixiert, die das Nahen des Straßenbahnzuges ankündigt, ein, daß man in der Eile die Brieftasche zuhause hat liegenlassen, in der sich auch die Fahrkarte für die Verkehrsbetriebe befindet. Aber ein Zurück gibt es nun nicht mehr, auch nicht, um gegen den plötzlich einsetzenden zähen Niesel den Regenschirm zu holen, denn die Ampel springt unvermittelt auf Gelb, die Tram naht unwiderruflich. Man muß gar die Beine in die Hand nehmen, um noch mit wehenden Rockschößen zumindest das Trittbrett zu erreichen, bevor sich die Türen automatisch schließen. Und dann fährt das Gerät nicht ab, man hört förmlich den Zeiger der Uhr vorrücken, Verspätungen werden sehr ungern gesehen in dem Büro, Eisenhammer oder Graphikgroßbetrieb, Schnellrestaurant oder Trekkingbekleidungsfachgeschäft, an das man seine Arbeitskraft täglich verkauft. Und schon dröhnt einem das Wort "Fahrkartenkontrolle" in den Ohren, und man will hinausspringen aus dieser Unglücksbahn, diesem Unglücksleben, dieser ganzen verhetzten Existenz – – –
Doch dann setzt sich die Bahn ruhig und gesittet in Bewegung, kein Kontrolleur weit und breit, die Mitfahrer ruhen auf ihren Plätzen, sind in sich selbst vertieft, blättern in Zeitungen, führen gedämpfte Gespräche. Die Zeit scheint wieder langsam zu laufen – eigentlich läuft sie immer gleich, jeden Tag und immer nach einem fest gefügten Muster. Die Bahn hält, man steigt aus, der kleine Schauer ist vorübergezogen, die Sonne scheint, und zum ersten Mal an diesem Tag holt man richtig tief Luft.
Patrick Wilden, 19. September 2006 ID 00000002670
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