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Das Ende der kulturellen Kuschelecken

Der Zugang zum geistigen Eigentum erlebt einen Paradigmenwechsel

Von Rupprecht Podszun


Als der britische Feldmarschall Wellington mit seinem preußischen Kollegen Blücher den Franzosen Napoleon Bonaparte 1815, nach Napoleons Hundert-Tage-Intermezzo, endgültig aus der europäischen Politik vertrieb, war Frankreichs Hegemonie zerstört. Die Befreiungskriege waren gewonnen, das restaurative Regime des Wiener Kongress begann zu greifen. Vom Waterloo des Grand Empereur ebenda profitierten aber nicht nur die Könige, sondern auch ein gewisser Baron Rothschild. Er erfuhr als einer der ersten vom Erfolg der Briten. Eine Brieftaube überbrachte die Nachricht nach London, 120 Kilometer legen die gefiederten Boten pro Stunde zurück. Rothschild kaufte englische Staatsanleihen, als alle anderen noch um Sieg und Niederlage bangten. Sein Gewinn wurde der Grundstock eines erklecklichen Vermögens.

Was das Haus Rothschild damals erkannt hatte: Der schnelle Zugang - Access - entscheidet. In keinem Bereich ist die These von Jeremy Rifkin über die Zukunft des Eigentums plausibler als im Bereich der immateriellen Güter: Das "geistige Eigentum" erlebt in diesen Jahren einen Paradigmenwechsel sondersgleichen. Den Ergebnissen des geistigen Schaffens, den Rechten der Kreativen an ihren Schöpfungen droht der Ausverkauf.

I. Geschichte

Bis 1985 war die Entwicklung des Rechts des geistigen Eigentums - oder, wie es in der deutschen Rechtswissenschaft präziser heißt: des Urheberrechts - beschaulich und kulturgeschwängert. War im Mittelalter noch jegliches geistiges Schaffen durch die Kirche abgesichert, so begann mit dem Buchdruck auch die Zeit der Fälscher und Produktpiraten. Sie raubten die geistigen Kinder der Schriftsteller und Künstler - "plagiarius" wurde man als Fälscher im alten Rom geschimpft, Menschenräuber. Die Landesfürsten in der Neuzeit schützten die Verleger mit "Privilegien" - so hatten sie das geistige Schaffen unter Kontrolle, die Verleger genossen Monopolrechte für den Buchdruck. Es bedurfte erst des Kampfes gegen die Zensur im Zuge der Aufklärung, bis auch die Privilegien fielen und der Markt für kreatives Schaffen geöffnet wurde. Die Revolutionäre in Frankreich, 1789, von ihren Schriftstellern begeistert, nannten das geistige Eigentum gleich das "heiligste aller Eigentümer" und schützten es in ihren Verfassungen. Geistesgrößen wie Kant, Fichte und Schiller übten sich an theorielastigen Werken über das Thema, und in Frankreich kämpfte im 19. Jahrhundert der Dichter Victor Hugo ("Der Glöckner von Notre-Dame") für internationale Vereinbarungen zum Schutz der Urheber. 1876 kam es in Deutschland zum ersten Urhebergesetz: Juristen übernahmen das Gebiet, feilten und verteilten. Große Gelehrte wie Josef Kohler, Otto von Gierke und Eugen Ulmer verwandelten das Urheberrecht zu einem schlagkräftigen Instrument, auf dass der Schöpfer wirtschaftlich von seinen Werken profitiert, ohne seine Persönlichkeit verraten zu müssen.

1985 aber schlug eine Bombe ins Urheberrecht ein, deren Folgen damals womöglich kaum übersehbar waren: Der Gesetzgeber entschied sich, Computerprogramme dem Urheberrecht zu unterstellen. Künftig war jeder Softwareentwickler ein kleiner Günter Grass, zumindest was seine Rechte anging. Hintergrund der Entscheidung: Man wollte die Softwareproduzenten mit ihren schnelllebigen Produkten nicht aufs teure und langwierige Patentverfahren verweisen - sie sollten schon mit Schöpfung ihrer binären Kleinode vor Raubkopien geschützt sein. Die fixe Idee hatte einen Haken: Die gewachsenen Paragraphen des Urhebergesetzes, erfunden von großen Künstlern für eben solche, passen nicht auf technische Anwendungsprogramme. Seither knirscht und kracht es im Gefüge - die Computerprogramme haben das ganze Konzept des Urheberrechts auf den Kopf gestellt. Denn plötzlich geht es nicht mehr darum, einem einsamen Dichterfürsten ein paar Mark für sein jüngstes Epos zu sichern und den Maler davor zu bewahren, dass seine freizügig gestalteten Damen kurzerhand überpinselt werden. Es geht um die knallharten Wirtschaftsinteressen von Unternehmen, die ganze Entwicklungsabteilungen beschäftigen, um Werke in die Welt zu setzen. Werke, die nicht zur geistigen Auseinandersetzung anregen, nicht gefallen wollen, sondern Werke, die funktionieren.

II. Gegenwart

1994 ist das andere große Jahr, bei dem Experten ein kalter Schauer über den Rücken läuft: 1994 bezeichnet den Zeitpunkt, als das Internet kommerziell bedeutsam wurde. Ein Beben nach dem anderen erschüttert seither die Branche. Anfangs waren es Journalisten, die plötzlich ihre Texte digitalisiert im Internet fanden. Davon hatte nichts in ihren Arbeitsverträgen gestanden, und für den schnellen digitalen Zugriff auf ihre Artikel forderten sie mehr Geld. Doch die Schreiberlinge und ihre Verlage erfuhren schnell, dass sich zwar Informationshäppchen und Kulturgüter im World Wide Web rasend schnell verbreiten lassen, die Bezahlung aber hapert. Der Charme des Internets, zumindest in den ersten Jahren, war vielmehr gerade die grenzenlose Freiheit. Die User surften auf einer Gratis-Welle. Und sie tun es immer noch: So hartnäckig auch die Entwickler an Hypercoins und sicheren Zahlungssystemen arbeiten, so intelligent sind die Hacker, die ihnen jedes Mal einen Strich durch die Rechnungen machen. Napster hat das einer ganzen Branche vorgeführt. Shawn Fenning heißt der Jungspund, der das System entwickelte, mit dem sich Musik in Form von MP3-Files kostenlos tauschen ließ, und das in digitaler Qualität. Statt mühsam rauschende Kassetten zu überspielen, sind die Musikfans im Internet mirnichts, dirnichts, vorallemderindustrienichts in der Lage, ihre Lieblingssongs herunter zu laden. Auch wenn Napster, zum Leidwesen der Fans, vorerst die Festplatte putzt und im Bertelsmann-Reich aufgehen wird, so ist doch der Spaß am geistigen Sozialismus im Netz noch nicht vorbei. Immer neue Ideen machen das Kulturbusiness mürbe. Eine Bastion nach der anderen fällt: Zuletzt musste die Frankfurter Allgemeine Zeitung einsehen, dass ein kostenloser Internet-Auftritt mit vielen Infos zum state of the art gehört. Access.

Es war ein Irrglaube zu meinen, das geistige Eigentum könnte in seiner kulturellen Kuschelecke bleiben wie bisher, Info-Technologien hin oder her. Denn der gesamte Kultursektor ist zu einem gigantischen Geschäft geworden, für die USA etwa ist die Kulturindustrie der wichtigste Exportschlager. Kein Wunder, dass zunehmend Disney und Time Warner, die kreative Schöpfungen am Fließband produzieren lassen, Einfluss nehmen auf die Entscheidungen über den Schutz des geistigen Eigentums. Hier geht es nicht mehr um den Ausdruck der Persönlichkeit, sondern nur noch um Kommerz. Adieu, Monsieur Victor Hugo!

Gerade die Marktmacht der Unterhaltungs-Giganten lässt zweifeln an der Euphorie des freien Zugangs zu den Kopfgeburten. Das Eigentum bleibt ein Schlüsselbegriff. Bill Gates, der Microsoft-Boss, wird wissen, warum er Bilderdatenbanken aufkauft, als müsste er für schlechte Zeiten Dosenfutter hamstern. Genau darum geht es ihm: Er hamstert für das Informationszeitalter. Wenn endlich der Inhalt, content, die Hauptrolle spielt, und nicht die Verpackung, dann macht der Kasse, der die Schlüsselfotos der vergangenen Jahre besitzt. Und die besitzt Bill Gates. Und wenn er sie nicht aus seinem Digital-Safe holt, dann bleiben sie der Welt verborgen. Gates wird sich jeden Griff in den Tresor gut bezahlen lassen.

III. Zukunft

Wohin die Reise geht? Es gilt aufzupassen, dass Gates & Co. nicht die Rothschilds der Zukunft werden. Das Bundesjustizministerium übt ein letztes Aufbäumen gegen die Umwälzungen. Ausgehend von einem Entwurf aus dem Mekka des Urheberrechts, dem Münchener Max-Planck-Institut, versucht man mit urheberfreundlichen Verträgen die traditionellen Schöpfer "tunlichst zu schützen", so wie es der Bundesgerichtshof immer wieder gefordert hat. Ob die Freude über die verbesserten Tarife für die vielen weniger berühmten Künstler lange anhält? Der Trend zur Abwertung der Kulturproduktion ist unverkennbar, und vielleicht sogar unaufhaltsam.

So verwandelt denn auch die Open Source Bewegung die Not in eine Tugend. Sie hat sich mit Lust und Laune einer kleinen Revolution verschrieben. Man will den völlig offenen, ungehinderten Zugang zu Informationen und kulturellen Gütern fördern. Die Macher des Computerprogramms Linux exerzieren es vor: Sie haben Microsoft, bestgehasstes Unternehmen der Branche, im Visier. Den Quellcode ihres Konkurrenzprogramms haben sie offen ins Netz gestellt. Verdient wird damit nichts. Jeder kann den Code verbessern, alle arbeiten zusammen. "Copyleft" wird die Idee gelegentlich genannt, auf Urheberschutz zu verzichten und alle teilhaben zu lassen - auf dass dies eine bessere Welt werde. Die grandiose Idee begeistert, die freie Kommunikation nach Open-Source-Maßstäben wird längst analog für andere Netzwerke genutzt.

Realistisch scheint unterdessen ein anderer Ansatz. Der Urheber wird an Rechten verlieren, aber womöglich an Geld gewinnen. Die Verwertungsgesellschaften, die für Urheber die Moneten eintreiben, verhandeln derzeit über die Verwertungsgebühren - Hersteller von Computer-Hardware sollen künftig für die Urheberrechtsverletzungen, die mit ihren Geräten angestellt werden, vorab zahlen. Das müssen die Hersteller von Fotokopierern schon lange, so dass Autoren auch von den Fotokopien profitieren, die von ihren Büchern gezogen werden. Mit den zu erwartenden Einnahmen bei VG Wort, GEMA und anderen lässt sich die eine oder andere digitale Nutzung verschmerzen.

Jede Lösung aber macht auch hier fast nur noch im internationalen Bereich Sinn. Mit dem TRIPS-Abkommen, einem Schutzvertrag für das geistige Eigentum, den die Welthandelsorganisation (WTO) verwaltet, hat die internationale Staatengemeinschaft einen gigantischen Schritt nach vorne unternommen. Sie hat ein schneidiges Instrument in die Welt gesetzt, um den weltweiten Access zu regulieren. Hier tut sich eine weitere Facette auf: Während die USA auf den Schutz vor Produktpiraten auch in Entwicklungsländern drängen, drängen die Entwicklungsländer umgekehrt auf den freien Zugang zu den Kulturgütern, die sie für ihre Entwicklung so benötigen.

Gerade in der internationalen Dimension aber weitet sich auch der Blick auf die wahren Herausforderungen, denen sich die Politik zu stellen hat. Wie auch immer der Zugang zum geistigen Eigentum geregelt ist, entscheidend ist dessen Qualität und entscheidend sind die Fähigkeiten, mit den Kulturdaten umgehen zu können. Was nutzt das Internet-Terminal, wenn man nicht einmal lesen kann? Was nutzen die schnellsten Kommunikationswege in Zeiten der Spracharmut? Um das Bild der Rotschildschen Brieftaube wieder aufzunehmen: Heute gilt es weniger, Brieftauben - damals ein Privileg - allen Menschen zur Verfügung zu stellen. Wichtiger ist: Wer eine Brieftaube zur Verfügung hat, sollte auch wissen, wie er sie für sich fliegen lassen kann. Dann besteht die Chance, dass nicht nur die Rothschilds, die Cyberlords, neue Reichtümer auf ihrem Informationsvorsprung bilden.

Und noch etwas: Brieftauben können nicht sprechen. Dieses Manko bescherte der schwedischen Pop-Band Abba eine ziemlich gewinnbringende geistige Schöpfung. Hätte sich schon 1815 Kunde verbreitet, dass der Schlachtort Waterloo, ein paar Kilometer südlich von Brüssel, genauso gesprochen wird, wie er geschrieben wird - die Schweden hätten wohl nicht "Woderlu" daraus gemacht. Die Grenzen der neuen Medien sollten bei aller Euphorie nicht vergessen werden.


Der Artikel von Rupprecht Podszun wurde in der Ost-West-Wochenzeitung "Freitag" erstveröffentlicht.
Der Autor, Jg. 1976, studiert Jura in München. Zuletzt erschien sein Buch "Die verkalkte Republik oder: Das Märchen vom Jugendkult" im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Beiträge von ihm wurden unter anderem in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht. Exklusiv für Kultura-Extra schrieb Rupprecht Podszun einen Beitrag anlässlich des 20. Todestages von John Lennon.

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