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Moriar ne moriar oder Bin ich ein guter Arzt?

(Gedanken zur Standesethik heute)


Bin ich ein guter Arzt? Welche Eigenschaften muß ich haben, was muß ich können, um dieses Prädikat zu verdienen?

Ein Konsens über die wichtigsten Voraussetzungen hierfür
erscheint sicher heute wie zu allen Zeiten Ärzten und Nicht-Ärzten über die Akzeptanz des hippokratisches Eides möglich. Ich zitiere daraus:

Ich werde den,
der mich dese Kunst gelehrt hat,
gleich meinen Eltern ehren und ihm Anteil
an meinem Leben geben.

Ich werde mein Leben
Und meine Kunst
Stets sauber und rein bewahren.


Im Kreuzgang des Klosters Wettenhausen in Schwaben gibt es ein Emblem mit der Überschrift: „Moriar ne moriar“ (zum Sterben bereit, um nicht zu sterben). Dargestellt ist eine Jagdszene: ein Steinbock, im Begriff sich vom Felsen in den Abgrund zu stürzen, um der Tötung durch den Jäger , der ihm auf den Fersen ist, zu entgehen. Die Absage, sich zum Opfer machen zu lassen! Schaut man dies Bild an, empfindet man trotz der „Niederlage“ dieses Tieres, das offensichtlich aufgibt, doch eine Art trotzige Genugtuung in dem Sinne, dass dieses Geschöpf sich treu geblieben ist!

Was ist heute ein guter Arzt? Im sogenannten Dritten Reich behandelte ein „guter“ Arzt keine Juden, war selbst kein Jude und verhalf gar den Schergen des Nationalsozialismus zu deren makabren „wissenschaftlichen“ Erkenntnissen.

Ein guter Arzt ist heute vor allem ein guter Unternehmer, der das Praxis-Marketing beherrscht und trotz aller Gesundheitsreformen „erfolgreich“ arbeitet.

Oder doch nicht?



Ich stelle mir manchmal vor, wie ich mich einschätzen würde, wäre ich gleichzeitig eine Ordensschwester. Wenn am Ende eines Tages meine Patienten einigermaßen gut versorgt sind, dann dürfte ich doch das Gefühl haben, im Sinne des oben zitierten hippokratischen Eides das meine und womöglich das richtige getan zu haben. Ich weiß aber4m dass ich wieder einmal alle unternehmerischen Prinzipien missachtet habe, viel zu lange mich mit dem Einzelnen beschäftigt habe , noch nicht mal „cool“ dabei
Bleiben konnte. Ich weiß, dass meine Bank und mein Steuerberater das genauso sehen!
Es ist möglich, dass ich in die Situation des gehetzten Steinbockes kommen werde.

Widerwillig höre ich mir anlässlich der nächsten Fortbildung . deren Thema mich insgeheim wirklich interessiert, den zusätzlich dargebotenen Vortrag über die wirtschaftliche Praxisführung an und verlasse die Fortbildung, auf die ich mich gefreut hatte, deprimiert wie ein geprügelter Hund. Ich stelle fest, dass ich immer mehr zum Außenseiter werde, da ich zum Kollegengespräch nichts beitragen kann! Ich fühle mich als Versager und bilde mir endgültig ein, dass meine Beschäftigung mit der Poesie der Barockzeit nun tatsächlich geächteter Luxus ist!

Ich verdränge die Tatsache, dass in einer Woche der nächste Steuertermin ist und schlage trotzig das Buch mit den Gedichten der Barockzeit auf und fürchte mich immer mehr vor der sogenannten Realität, denn ich fühle mich nicht tüchtig. Bin ich überhaupt lebenstüchtig?

Am nächsten Arbeitstag ertappe ich mich dabei, wie ich zur Musik des Autoradios fröhlich pfeife. Eine dankbare Patientin, der ich zu meiner eigenen Überraschung besser helfen konnte, als ich erwartete, hat mich mit zwei Gläsern selbstgekochter Marmelade beschenkt. Bin ich verrückt, dass ich so glücklich bin auf einmal? Ich genieße anscheinend eine Art Narrenfreiheit, sonst würde ich jetzt nicht auch noch kurz anhalten und schnell noch begeistert das vor mir liegende Dorf in dem Licht fotografieren, wie es sich heute bei Föhn darstellt.

Während der Nachmittagssprechstunde erfahre ich vom Suizidversuch eines Kollegen, eines g u t e n Arztes, wie ich weiß. Konkurs.


Als Arzt habe ich das Leben zu schützen, auch meins, denn auch ich bin ein Geschöpf Gottes. Ich möchte am Ende eines anstrengenden Tages schlafen können in dem Gefühl, das meine getan zu haben. Ich werde mich weigern, mir meinen Wert, meinen „Marktwert“ von Menschen zumessen zu lassen, deren oberste moralische Instanz der Gewinner im Monopoly ist.


Notfalls werde ich mich nicht vom Jäger erschießen lassen, sondern vorher in den Abgrund springen. Es könnte sein, dass ich in diesem Abgrund gar nicht sterbe , sondern das Glück finde, nicht wahr? Der Jäger wird mir nicht folgen, da er dieses Tal, über das er keine Informationen besitzt, für wertlos hält. Denn er gehört, wie ich weiß, zu den Menschen, die nur einen Schritt nach vorn tun, wenn sie wissen, dass es sich „rechnet“. Ich aber weiß es besser: ich weiß, dass Gutes und Neues oft aus Verzweiflung entsteht! Ich vertraue, zu den Menschen zu gehören, deren Kräfte mit Unglück und Mühsal bloß wachsen! Heimlich akzeptiere ich auch, umsonst zu arbeiten. Ich weiß, dass ich denen, die mir Ökonomie vorrechnen können, eins voraus habe mein Leben lang. Diese Befriedigung heißt RÜCKFREUDE, eine Wortschöpfung eines meiner Kinder, die jeder sofort versteht!

Dieser Ausspruch von Marc Aurel steht ab heute auf meinem Schreibtisch:

Die Kunst
Die du gelernt hast, behalte lieb.
Und bei ihr suche deine Ruhe.

Den Rest deines Lebens
Durchwandere wie einer, der alles
Von ganzem Herzen
Den Göttern überlassen hat,
keines Menschen Herr,
keines Menschen Sklave.


Ich bin fest entschlossen, mir meine innere Ruhe auf diese eine Art zu suchen. Wie sollte ich sonst ein guter Arzt sein?



Dr. med. Ursula Heelein, März 2003
e- mail: ursulaheelein@web.de





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