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Globalisieren und neu gestalten -

Öffentliches Podium internationaler Experten in Stuttgart
Grün, kritisch und alternativ - Werte, die in den Siebzigerjahren die deutsche Kulturlandschaft bewegten, haben wieder Konjunktur. Aktuelle Probleme wie die Kriegsdrohung, die anhaltende Wirtschaftskrise, häufige Klimakatastrophen und der oft zitierte Kampf der Kulturen, wecken nicht nur den Wunsch nach Erklärungsmodellen, sondern auch das Bedürfnis nach Verbesserung der globalen Lage. Der Stuttgarter Veranstalterkreis, dem sieben Organisationen, u.a. ATTAC Stuttgart, Brot für die Welt, das Jugend- und Kulturzentrum Forum 3 angehören, hat unter dem Motto "Unsere Welt ist keine Ware" vier Persönlichkeiten eingeladen, die sich seit langem mit drängenden Fragen der Globalisierung auseinandersetzen.

Beim Teach-in im Haus der Wirtschaft plädiert die Bürgerrechtlerin Caroline Lucas für die Zurückführung von wirtschaftlicher und politischer Macht in die lokale Sphäre. Die Europa-Parlamentarierin der britischen Grünen wendet sich gegen neoliberale Tendenzen. Kunst, Kultur und geistige Güter eigneten sich für den globalen Austausch. Tiertransporte auf Langstrecken, seien, auch wenn sie sich rechneten, ein Beispiel gegen den Sinn der Globalisierung. Im übrigen sei Globalisierung anders als die Erdrotation, kein Naturgesetz, sondern "replaceable", also durchaus ersetzbar.

Udo Herrmannstorfer, Unternehmensberater aus der Schweiz, ermutigte das Auditorium, den Begriff Globalisierung neu zu definieren. "Die Erde ist keine Tomate, auf der Schädlinge herumkriechen" - ausgehend von einer Kritik an unzeitgemäßer Ökonomie, die immer von "uns" aus denkt statt vom Ganzen, streift er Rechtsfragen und beleuchtet die Beziehung zu Natur und Kultur. Negative Phänomene wie Ungerechtigkeit und Zerstörung wollen wir zwar nicht, aber wir fügen uns, statt wach zu werden für Veränderung. Sein Credo lautet Begegnung statt Herrschaft, Gestalten statt Erhalten, Verantwortung und Selbstständigkeit.

Sensibilisiert für diktatorische Strukturen, ist für Nicanor Perlas von den Philippinen die Machtverteilung der Schlüssel des Problems. Er spricht von der Wichtigkeit vielfältiger kleiner Initiativen, die unabhängig vom politischen Standort, Bewegung in die Gesellschaft bringen sollen. Widerstand hat die globale Meinung beeinflusst, bringt aber keine Dynamik ins Gesellschaftssystem. Sein Ziel ist eine Zivilgesellschaft, die nicht aus Mangel an Macht Gefahr läuft, geschluckt zu werden.

Jakob von Uexkull, hat mit seiner Stiftung des Alternativen Nobelpreises einen Meilenstein für neue Wege gesetzt. "Warum nennen wir Alleinvertretungsansprüche des Staates totalitär, der Kirche theokratisch? Aber jene der Wirtschaft nennen wir demokratisch!
Der prominente Redner skizziert mit markanten Sätzen komplexe Zusammenhänge. Er redet von Geldschulden, die man stunden könne, und Umweltschulden, die man eben nicht stunden kann. Entlarven müsse man eine Demokratie, die sich nicht drum kümmere, was in hundert Jahren sein wird.
Drastisches Exempel: wachsende Depressionen, die bei nach 1945 Geborenen zehn mal höher seien, als bei der Generation davor. Uexkull verweist auf den Konsum von Antidepressiva, die in den USA nicht nur an Fünf- bis Zwölfjährige verabreicht werden, sondern bereits im Kleinkindalter. In wenigen Jahren habe sich der Verbrauch bei den Zwei- bis Sechsjährigen verfünffacht! Wenn wir uns als eine Kultur von Weltbürgern statt von bloßen Konsumenten verstehen wollen, dürfen wir uns nicht von einer Minderheit vorschreiben lassen, was wir essen und wie weit wir uns vergiften lassen.
Der Umweltexperte mahnte zu Dringlichkeit: Es hat keinen Zweck länger zu warten, denn wir sind diejenigen, auf die wir gewartet haben.

Leonore Welzin / Januar 2003


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