Pressedienst Wissenschaft der Freien Universitaet Berlin
PDW 36/2003 vom 12. August 2003
Zwischen "voll geil" und "mega peinlich"
Ueber die Faszination von Girl Groups und Boy Bands
Oft belaechelt und selten ernst genommen: Die fast ausschliesslich
weiblichen Fans von Girl Groups und Boy Bands haben es nicht leicht,
sich gegenueber Eltern, Geschwister und anderen Nichtfans zu
behaupten. So genannte Teeniebands begleiten die Maedchen in der
Phase der Selbstfindung, die die Pubertaet mit ausmacht. Die
Erziehungswissenschaftlerin Dr. Bettina Fritzsche erforschte im
Rahmen ihrer Dissertation an der Freien Universitaet Berlin die
Gefuehlswelt von Pop-Fans und untersuchte naeher die bestimmenden
Faktoren, die zur Entwicklung von Fans und ihrer spezifischen Kultur
beitragen.
Mehrere sich scheinbar widersprechende Faktoren bestimmen den
Charakter und den Zweck des Fankults: Entfaltung und Entwicklung der
eigenen Identitaet, aber auch die Identifizierung mit einer
Symbolfigur; Schaffen von eigenen Freiraeumen und gleichzeitiges
Einfuegen in eine Fangemeinde oder Clique. Folglich ist die
Lebensdauer des Fankultes begrenzt - sie erstreckt sich meistens auf
die Uebergangsphase vom Maedchen zur Jugendlichen. In diesen Jahren
des Uebergangs findet eine Identitaetsentfaltung statt: Die
Heranwachsenden streben nach groessere Selbststaendigkeit und
Unabhaengigkeit von den Eltern, damit einhergehend muessen sie
lernen, die eigenen Interessen und Vorstellungen zu verteidigen. Die
Maedchen-Clique wird dann wichtig, um Zusammenhalt unter
Gleichaltrigen aufzubauen und um sich sowohl von der Kinder- als auch
der Erwachsenenwelt abzugrenzen.
In einer Phase ihres Lebens, in der sie sich mit Verunsicherungen und
neuen Anforderungen auseinandersetzen muessen, ist das Engagement in
einer Fanbewegung ein Rueckhalt. Diese Kultur eroeffnet einen
Experimentierraum fuer Maedchen; diesen Raum zu bestimmen und
gelegentlich seine Grenzen auszureizen ist fuer sie ein Erlebnis, das
sie als ermaechtigend empfinden. Es kann ihnen auch den Mut und das
Selbstbewusstsein geben, sich gegen bestimmte stereotype
Anforderungen ihres Umfeldes zur Wehr zu setzen. Allerdings
vermittelt dieses Genre generell ein relativ normenkonformes Bild.
Die "Backstreet Boys" zum Beispiel stellen beinahe klischeehafte
weisse Mittelklassejungen dar. Aber schon die "Spice Girls" oder die
"No Angels" weisen eine grosse Bandbreite von verschiedenen, wenn
auch idealisierten, Frauentypen auf, mit denen sich Maedchen
auseinandersetzen koennen.
Eine Form der Auseinandersetzung ist der Tanz. Im Freundeskreis
werden die Choreographien der Girl Groups gerne imitiert. Das
bedeutet nicht nur eine Annaeherung an die Stars, sondern ermoeglicht
auch die Inszenierung des eigenen Koerpers innerhalb eines gewissen
Schutzraumes. Zusammen Tanzschritte einzustudieren und voneinander zu
lernen festigt darueber hinaus die Gruppe. Andere Konstellationen
koennen spielerisch erprobt werden. So kann sich das schuechternste
Maedchen auch mal als selbstbewusste und dominante "Scary Spice"
praesentieren, ohne dass es zu Reibereien innerhalb des
Cliquengefueges kommt. Auch die Choreographien von Boy Bands werden
einstudiert: Das ist als eine Umkehrung der Fan-Star-Beziehung und
als gleichzeitiges Experimentieren mit dem Verhaeltnis zwischen Mann
und Frau und den ihnen zugeordneten Rollen zu verstehen.
In der Fan-Kultur werden nicht nur bestimmte Leidenschaften
ausgelebt, gleichzeitig werden immer wieder die Grenzen zu einem
voelligen Kontrollverlust ausgelotet. Gelegenheit hierzu bietet vor
allem der Konzertbesuch. Ein Erlebnis, das fuer die Fans oft
zweischneidig ist: Zwar sind sie den Stars so nah wie nie zuvor, doch
gleichzeitig werden sie sich der Unerreichbarkeit der Stars bewusst.
Das Konzert ist vorrangig ein gemeinschaftliches Erlebnis, das als
rauschhaft und irreal erlebt wird. Weinen, Kreischen, Schreien: Der
Spass am Erleben einer emotionalen Ausnahmesituation in der
Maedchen-Clique wiegt hier staerker als der Wunsch, unbedingt in die
Naehe der Stars zu gelangen und mit ihnen Kontakt aufzunehmen. Indem
Boy Group-Fans ihre Stars zu Sex-Objekten machen, die sie auf
Konzerten 'anmachen' koennen, haben sie als Maedchen die seltene
Gelegenheit, ein maennliches Vorrecht zeitweilig fuer sich in
Anspruch zu nehmen. Eine offensiv-aggressive Demonstration des
Begehrens wird noch immer meist von Maennern ausgeuebt. In diesem
Kontext haben Bands einen Vorteil gegenueber Einzelkuenstlern: Die
Maedchen machen einander dabei nicht Konkurrenz. Freundinnen koennen
sich unterschiedliche Kuenstler einer Band aussuchen und dennoch
zusammen Fan sein. Wird hingegen nur ein einziger Star angehimmelt,
kann es schon mal zu Konkurrenzgefuehlen kommen.
Ein Reigen kommerzieller Produkte formt, begleitet und definiert den
Fan: Bettwaesche, Fanzeitschriften, CDs, Poster. Das ist ein
Phaenomen einer zunehmend medial gepraegten Gesellschaft, das sich
seit den 1970er Jahren verstaerkt. Die Zielgruppe der ausgekluegelten
Medienkampagnen werden immer juenger - momentan liegt das
Einstiegsalter von "Bravo"-Lesern im Durchschnitt bei acht Jahren.
Die juengsten Fans, die die Erziehungswissenschaftlerin Bettina
Fritzsche befragte, waren erst zehn Jahre alt. Spaetestens mit
fuenfzehn oder sechzehn Jahren wenden sie sich jedoch anderen Dingen
zu. Zwar ist wichtig, ein bestimmtes Alter erreicht zu haben um Fan
sein koennen; gleichzeitig gilt es zu vermeiden, als Fan zu alt zu
werden. Sind Maedchen erstmal in ihre neue Rolle als Jugendliche
hineingewachsen, entledigen sie sich daher schnell des Fankults, der
als Begleiter durch die emotionale Berg- und Talfahrt der Pubertaet
diente. Dann sind Pop-Fans ploetzlich nur noch "peinlich".
Von Gesche Westphal
Literatur:
Bettina Fritzsche, Pop-Fans. Studie einer Maedchenkultur, erschienen
in der Reihe "Geschlecht und Gesellschaft", herausgegeben von Ilse
Lenz et al., Opladen: Leske + Budrich, 2003, ISBN 3-8100-3770-2.
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