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Die Geburtstagsmaschine
Die Wiederverwertung von Jahrestagen treibt Blüten: Feiern im Gedenken an Anton Karas

von Malte Olschewski



Keiner, auch der =Dritte Mann= nicht, kann den Saugrohren der Wiederverwertungsanlage entgehen. Der Wiener Heurigenmusiker Anton Karas würde am 7.7.2006 seinen 100. Geburtstag feiern, wäre er nicht am 10.1.1985 gestorben. Karas war mit seiner Filmmusik zum =Dritten Mann= eine Zeit lang sehr berühmt gewesen. In Wien ist nun Geschäftigkeit ausgebrochen, um den =Dritten Mann= zu reanimieren. Unter anderem ist auch ein eigenes Museum eingerichtet worden. Man kann Rundfahrten zu den Drehorten des Filmes buchen. Eine Gedenktafel wird angebracht. Man lädt zu Zitherkonzerten ein. Medien erklären den =Dritten Mann= zum Kultfilm.

Der unschuldige Zitherzupfer ist nur ein Symptom für eine Entwicklung, die in den letzten Jahren immer auffälliger geworden ist: Die Wiederverwertung von verblichenen Künstlern zu runden Geburts- und Sterbetagen. Es ist verständlich, wenn man 2006 an den 250. Geburtstag von Mozart und an den 150. Geburtstag von Sigmund Freud erinnert. Nun wird mit Anton Karas fortgesetzt, dessen Zithermusik eine besondere Geschichte hat: Karas klimperte im Oktober 1948 bei einem Grinzinger Heurigen soeben auf seiner Zither, als sich der britische Regisseur Carol Reed unter die Gäste mischte. Reed war zusammen mit dem Schriftsteller Graham Greene in Wien, da die zerbombte Stadt eine großartige Kulisse für einen Kriminalfilm abgeben würde. Beim Heurigen kam ihm die Idee, den ganzen Film mit Zitherklängen zu unterlegen. Er mußte erst den zögernden Karas überreden. Dann flog er mit ihm nach London, um in den dortigen Studios in tagelangen Sitzungen die Musik aufzunehmen. Erst dabei haben sich jener Klänge entwickelt, die dann als =Harry Lime= um die Welt gehen sollten.

Der Film wurde ein Welterfolg. Dazu haben Orson Welles als Harry, die unheimlichen Kanäle von Wien, die Bombenruinen als Kulisse und die Zithermusik beigetragen. =Der Dritte Mann= hat auch eine neuartige Erzählperspektive: Der US-Autor Holly kommt auf Einladung seines Freundes Harry Lime nach Wien. Der aber ist tödlich verunglückt. Stimmt nicht! Harry Lime handelt aus der russischen Zone heraus mit gefälschtem und gefährlichem Penicillin. Holly lockt Harry aus der russischen Zone und erschießt ihn nach einer Verfolgungsjagd durch die Kanäle.
Anton Karas ging nach dem Erfolg des Filmes auf Tournee. =Harry Lime= wurde zur Kennmelodie von Wien der Nachkriegszeit. Karas komponierte auch andere Stücke, die aber kaum ein Echo fanden.

Um seinen runden Geburtstag am 7.7.2006 gab es viele Würdigungen. Schon am 4.7. wurde an seinem Geburtshaus eine Gedenktafel angebracht. Am 7.7. konzertiert ein Zitherquartett mit Karas-Themen im benachbarten Amtshaus. Eine Ausstellung =Anton Karas: Leben und Werk= wird demnächst eröffnet. Eine Künstlergruppe =Die halbe Wahrheit= verwertet Karas schon seit Wochen unter dem Titel: =Gekonnt geklont!= Im Rahmen einer =Karasmanie= wird ein =Art&Joy-Dinner= serviert. Man veranstaltet Stadtrundfahrten zu den Drehplätzen, doch sind die Kanäle am Wienfluß als vorrangiger Schauplatz derzeit wegen Bauarbeiten nicht begehbar. Es ist nicht leicht, um einen einzigen Film ein Museum zu bauen. In der Wiener Preßgasse hat man sich bemüht. Der Besucher kann unter anderem auch jene Projektoren sehen, mit denen der Film 1950 bei seiner Wiener Uraufführungen abgespielt worden ist. Filmplakate aus aller Welt beweisen den großen Erfolg. Auch das Harry Lime-Thema ist in rund 300 Interpretaionen zu hören. Fans =erzitthern= förmlich beim Anblick der Original-Zither aus dem Besitz von Anton Karas.

Man muß nicht gerade 100 Jahre alt geworden sein. Auch der 80. Geburtstag in relativer Frische kann, wie Peter Alexander beweist, durchaus ein Termin für Geschäftemacher sein, die im Kalender nach runden Jahrestagen suchen. Der Entertainer ist am 30.6.1926 geboren worden. Mit Nahen des 30.6.2006 hatte in Wien das Festival der Wiederverwertung begonnen. Es ist zwar noch etwas Zeit bis zum 50. Geburtstag von Johann Hölzl am 19.2.2007. Es würde sich auch erst am 6.2.2008 zum zehnten Mal der Tag seines Todes jähren. Doch schon jetzt wird stark geholzt um Hölzl, der als =Falco= besser bekannt ist.. Der österreichische Pop-Star war am 6.2.1998 wahrscheinlich unter Kokain-Einfluß bei einem Verkehrsunfall in der Dominikanischen Republik ums Leben gekommen. Österreichs Regierung hat bereits jetzt die Wiederverwertung eingeleitet. Die Nummer =Rock Me Amadeus= wurde als Musik für eine DVD mit dem Titel =Generation Europe= verwendet, die kostenlos an die Jugend verteilt wurde. Nun streitet man um die Rechte. Mehrere Anwälte sind eingeschaltet. Für den 19.2.2007 ist die Eröffnung eines Falco-Museum in Gars am Kamp geplant. Auch ein Buch über Falco soll bald erscheinen. Ein Regisseur hat bereits ein Drehbuch für einen Falco-Film abgeliefert, der vom Staat gefördert werden soll. Die dafür unverzichtbaren Videos könnten zu weiterem Rechtsstreit führen.
Man hat in den letzten Monaten in den Medien viel über den irischen Dramatiker Samuel Beckett, den Mathematiker Kurt Goedel, über den Regisseur Billy Wilder und den Schriftsteller Wolfgang Koeppen erfahren. Sie haben eines gemeinsam: Sie waren hundert Jahre alt geworden. Und zwar am 13.4., 20.6., 22.6. und 1.7.2006. Am 11.7.2006 wird der deutsche SPD-Politiker Herbert Wehner hundert Jahre alt. Der Maler Rembrandt ist am 15.7.1606, also vor 400 Jahren, der Dichter George Bernard Shaw ist am 26.7.1856, also vor 150 Jahren, geboren worden. Man wird von ihnen hören und über sie lesen wie auch über den russischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch, der am 25.9.2006 seinen 100. Geburtstag hat. Im Gegensatz dazu wird man über den Schriftsteller Wilhelm Raabe und den Schweizer Reformator Ulrich Zwingli in diesem Jahr kaum Näheres erfahren. Ihr Jahrestag ist nicht rund genug. Der 8.9.2006 wäre Raabe 175. Geburtstag. Der 11.10. wäre Zwinglis 475. Todestag. Es muß also nicht immer der Geburtstag sein. 2006 gedachte man am 17.2. des 150. Todestages von Heinrich Heine. Der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen und der Maler Paul Cezanne haben eines gemeinsam. Sie sind vor hundert Jahren gestorben: Am 23.5. beziehungsweise 22.10.1906. Man hörte von Ibsen, man wird über Cezanne lesen. Nichts wird in diesem Jahr über den Dichter Daniel Defoe (275.Todestag), den Philosophen G.F.W. Hegel (175.Todestag), den Erfinder Thomas Edison und den Schriftsteller Arthur Schnitzler (jeweils 75. Todestag) zu erfahren sein.
Woher kommt das? Welche Entwicklungen haben zur Feier der Geburts- und Todestage geführt? Im Prinzip ist kein Jahrestag notwendig, um über einen genialen Menschen zu berichten. Es ist aber die Magie der runden Zahl, die in allen Lebensbereichen regiert. 100 wird als bedeutender empfunden als 99 oder 101. Über die runde Zahl werden aber auch Personen wie Karas oder Hölzl in eine Bedeutung erhoben, die sie nicht besitzen. Ein wahrhaft großer Künstler braucht keinen Jahrestag. Er hat ein Werk geschaffen, mit dem man sich jeden Tag beschäftigen kann.

Malte Olschewski - red / 7. Juli 2006
ID 00000002540


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