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Extra-Themen: Kultur und Wirtschaft

Die KPM - ein fruehkapitalistischer Vorzeigebetrieb

Ueber die Betriebsstruktur der staatlichen Berliner Porzellan-Manufakturen

Die Koenigliche Porzellan-Manufaktur (KPM) und ihr Tochterbetrieb, die Koenigliche Gesundheitsgeschirr-Manufaktur (KGM), gehoerten bis 1848 zu den groessten Arbeitgebern Preussens. Die KPM zaehlte zu dieser Zeit 450 Beschaeftigte, die KGM 220. Die Koenigliche Gesundheitsgeschirr-Manufaktur produzierte preiswerte Porzellane, um den aermeren Schichten eine Alternative zum gesundheitsschaedlichen bleiglasierten Tongeschirr zu bieten. Die Betriebsform der Manufaktur gilt als diejenige, die im 19. Jahrhundert den Weg fuer die Durchsetzung der kapitalistischen Wirtschaftsweise ebnete. In Manufakturen wurden schon frueh Maschinen eingesetzt und freie, allein vom Markt abhaengige Lohnarbeiter beschaeftigt. Der Historiker Arnulf Siebeneicker von der Freien Universitaet Berlin hat die Arbeitsbedingungen und die Machtbeziehungen in diesen Staatsbetrieben vor und waehrend der Industriellen Revolution untersucht. Dabei geht er vor allem der Frage nach, wie sich die Stellung der Staatsbeamten und Angestellten ("Offizianten") von derjenigen der Arbeiter ("Ouvriers") unterschied und wie sich das Verhaeltnis dieser beiden Belegschaftsteile zueinander entwickelte. Auf diese Weise werden die innerbetrieblichen Grundlagen der Entstehung wichtiger Gruppen sichtbar, die bis heute das gesellschaftliche Gefuege praegen.

Die Offizianten waren vor betriebsbedingter Kuendigung geschuetzt und konnten mit festen, von Konjunkturschwankungen unabhaengigen Gehaeltern rechnen. Damit wurden sie der preussischen Staatsbeamtenschaft gleichgestellt, deren Rechte und Pflichten sich im 19. Jahrhundert langsam herausbildeten. Die um 1820 unternommenen Versuche der Manufakturdirektion, eine am Betriebsgewinn orientierte leistungsbezogene Bezahlung der Offizianten durchzusetzen, scheiterte am Widerstand der Betroffenen. "Die Argumentation beider Seiten aehnelt verblueffend der aktuellen Diskussion um eine Reform des oeffentlichen Dienstes in der Bundesrepublik Deutschland", meint Arnulf Siebeneicker. Die Bevorzugung der Offizianten gegenueber den Arbeitern liess sich dadurch rechtfertigen, dass sie schwerer ersetzbar waren. Vor allem im technischen und kuenstlerischen, aber auch im kaufmaennischen Bereich konnte das Ausscheiden erfahrener Funktionstraeger nur unter grossen Schwierigkeiten kompensiert werden. So weigerten sich haeufig die leitenden Techniker der Porzellanmanufakturen ("Arkanisten" / von lat. Arkanum = Geheimnis), die von ihnen entwickelten Rezepte fuer Massen, Glasuren und Farben schriftlich niederzulegen. Durch den Tod eines dieser Offizianten ging der KPM deshalb wertvolles Wissen verloren.

Unter den Ouvriers waren die Maler, Dreher und Former, die eine sechsjaehrige Lehre durchlaufen hatten, die am gruendlichsten ausgebildeten Arbeiter. Sie sahen sich als "Kuenstler", ohne damit allerdings den Anspruch auf eine selbstbestimmte Gestaltung der von ihnen ausgefuehrten Taetigkeiten zu verknuepfen. Die Basis fuer ihr Beharren auf Wuerde und Unabhaengigkeit war der Berufsstolz, der sich aus ihrer herausgehobenen Stellung im Produktionsprozess ergab. Durch jede Einschraenkung ihres Handlungsspielraums sahen sie ihre Ehre verletzt. "Wem ist nicht bekandt, das Kunst keinen Zwang leidet?", fragten die Maler 1775 in einer Petition an den Manufakturdirektor. Den Stuecklohn und die festen Arbeitszeiten empfanden sie als Kennzeichen der abhaengigen Stellung in einem Betrieb, die lediglich ein geringes soziales Ansehen genoss. Unabhaengig vom jeweiligen Sachverhalt erhoben die Facharbeiter den Anspruch auf eine bevorzugte Behandlung gegenueber den geringer qualifizierten Mitgliedern der Belegschaft. So wehrten sich die Former und Dreher 1775 gegen die Ausstattung des Torwaechters mit der Befugnis zur Kontrolle ihres morgendlichen Eintreffens in der Manufaktur: "Wuerden wir in dieser Sache gehorsamst zu bitten haben, dass zwischen uns und denen Lehr Burschen, Holtzhauern und Handlangern ein Unterschied gemacht werden moechte." Bitter beklagten sich die Facharbeiter ueber ihre Zuruecksetzung gegenueber den Offizianten, denn sie waren - wie sie 1848 dem Koenig mitteilten - der Ansicht, dass "wir Kuenstler die eigentlichen Schaffer, der wahre Nerv derselben sind, und den Ruf, den die Manufactur ueberall sich erworben, durch unsere Leistungen hauptsaechlich begruendeten."

Verglichen mit ihren Kollegen in der privaten Wirtschaft, gestaltete sich die Lage der Ouvriers in der KPM und der KGM allerdings guenstig: Sie besetzten sicherere Arbeitsplaetze, da die beiden Staatsmanufakturen eine auf die Vermeidung von Fluktuation ausgerichtete Personalpolitik praktizierten. Sie bezogen hoehere Loehne, da die Direktoren ihr dauerhaftes Abgleiten unter das Existenzminimum zu verhindern suchten. Sie konnten bei Krankheit und Invaliditaet eher auf Hilfe rechnen, da betriebliche Sozialeinrichtungen, wie die 1789 gegruendete "Arbeiter-Versorgungs- und Verpflegungs-Anstalt", ihnen Versicherungsschutz gewaehrten. Die beiden Staatsmanufakturen sicherten sich auf diese Weise eine leistungsfaehige Stammbelegschaft. "Ihr Vorgehen laesst sich jedoch nicht allein unter funktionalen Gesichtspunkten erklaeren, sondern auch durch die Tatsache, dass sie eine gewisse Vorbildfunktion gegenueber dem privaten Sektor zu erfuellen hatten", sagt Siebeneicker. "Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass es in der KPM und in der KGM - abgesehen von Tumulten waehrend des Revolutionsjahres 1848 - weder zu Streiks noch zu anderen illegalen Formen des Arbeitskonflikts kam." Auch die Bereitschaft zum Eintritt in die 1869 gegruendete Gewerkschaft der Porzellanarbeiter war bei den Beschaeftigten der beiden Staatsmanufakturen gering.

Am Beispiel der KPM und der KGM wird das soziale, wirtschaftliche und technische Innovationspotential deutlich, das die Betriebsform der Manufaktur im 18. Jahrhundert kennzeichnet. Belege dafuer sind neben der Gruendung der betrieblichen Sozialversicherung auch die fruehe Einfuehrung der doppelten Buchfuehrung (1792) und der Dampfmaschine (1799). Der noch ungenuegend entwickelte private Sektor in Preussen konnte diese Erfahrungen jedoch nicht verwerten. Eingekapselt in den Schutzraum der Staatswirtschaft, verloren die KPM und die KGM im 19. Jahrhundert ihre Vorbildfunktion. "Die wesentlich durch die Arbeitssituation vermittelten Differenzierungen innerhalb der Belegschaft verfestigten sich, wobei die Barriere zwischen den Offizianten und den Ouvriers ebenso stabil blieb wie die Barriere zwischen den Facharbeitern und den geringer qualifizierten Arbeitern", meint der Historiker. Die Offizianten haetten unter Verweis auf die Sonderrechte der Staatsbeamtenschaft ihre Abschottung gegen Marktbedingungen verteidigt. Die von ausseroekonomischen Bindungen befreiten, aber immer noch besser als vergleichbare Berufsgruppen in der privaten Wirtschaft situierten Ouvriers zeigten nur geringe Bereitschaft zu berufs- und betriebsuebergreifendem Handeln. Die Lage und das Verhalten der Beschaeftigten verweisen auf die Beharrungskraft staendischer Traditionen in einer zunehmend von Marktinteressen gepraegten Umwelt.

Literatur:
Arnulf Siebeneicker, Offizianten und Ouvriers. Sozialgeschichte der Koeniglichen Porzellan-Manufaktur und der Koeniglichen Gesundheitsgeschirr-Manufaktur in Berlin 1763-1880, Berlin/New York: Walter de Gruyter, 2002 (Veroeffentlichungen der Historischen Kommission zu Berlin, 100), 551 Seiten, ISBN 3-11-017158-9, 148 Euro

Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Dr. Arnulf Siebeneicker, Kreuzbergstr. 72, 10965 Berlin, E-Mail: siebeneicker@nexgo.de


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