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Literatur-Essay

Dieser Text ist ein Versuch. Ausgehend von dem Tauchboot "Trieste", dem der Autor schon in einem Kinderbuch begegnet war, stellt er sich die Frage, ob es möglich ist, allein aufgrund seines dezidierten Halbwissens und seiner Vorstellungen das Bild einer Stadt zu entwerfen, in der er noch nie war. Die These des Textes ist es, daß reine Sekundärerfahrungen bereits ein so dichtes Netz von Vorstellungen und Eindrücken herstellen, daß sie den Gehalt von Erinnerungen gewinnen können. Nun folgt der zweite Teil dieser "Erinnerungen an Triest".

Erinnerungen an Triest

Fortsetzung von Teil 1



Auch Anna Livia mündet ins Mittelmeer

Ich war noch nie in Triest. Nur ein einziges Mal habe ich einen Versuch unternommen, hin zu gelangen, und der beschränkte sich auf die Lektüre eines Textes von Italo Svevo. Ich las in der "Kleinen sentimentalen Reise", wie der Unternehmer Aghios von Mailand aus über Venedig und Görz mit dem Zug in seine Heimatstadt Triest fährt. Zwar habe ich Aghios bei seinen Reflexionen, Gesprächen und Fährnissen begleitet, und doch bin ich nie bis hin gelangt: "Am Bahnhof von Tries" - mitten im Satz brechen Text und Reise ab.
Italo Svevo und James Joyce - das sind Namen, Chiffren für einen vergangenen Zusammenhang, der die Mauern dieser Stadt aufsprengt. "Ein großer Ruhmestitel für meine Stadt ist es", schrieb Italo Svevo, dessen ganzes Leben und Wirken sich auf die Adriastadt richtete, in einem seiner Texte über Joyce, "daß manche Straßen Dublins sich im Ulysses um bestimmte verwinkelte Gassen unseres alten Triest verlängern." Joyce verfaßte sein Jahrhundertwerk in einer Stadt, die mit seiner Heimatstadt sicherlich nur in wenigen Punkten vergleichbar war. Svevo deutet Triest, nicht ohne Selbstzufriedenheit, als Übersetzung des unmöglich gewordenen Dublin. Erst die gemächliche Hafenstadt der späten Habsburgerzeit habe eine lebenswerte Atmosphäre besessen, in der Joyce die nötige Inspiration fand. "Triest verkörperte damals ein kleines Irland, das er heitereren Sinnes betrachten konnte als die eigene Heimat." Nicht nur die Donau mündet wie in der Argonautensage ins Mittelmeer, auch Anna Livia, der mythisierte Fluß der irischen Hauptstadt, fließt in die Adria.

Wo Gustav Aschenbach ins Dampfboot stieg

Vor meinem Auge entsteht Triest, schemenhaft, düster, und doch mit einer irrealen Hoffnung versehen, die zugleich Erinnerung ist, weil sich diese Stadt durch die vielen unterschiedlichen Verweise, von denen ich einige hier aufgeführt habe, sein altösterreichisches Flair, ein paar verstreute Daten, durch die Geschichten, die mir V. erzählte oder die ich gelesen habe, in mein Bewußtsein eingraviert hat. Vielleicht werde ich niemals nach Triest fahren - oder aber ich werde, wenn ich je hinkommen sollte, eine herbe Enttäuschung erleiden. Auch Gustav Aschenbach ist dort schließlich nur angekommen, um sofort wieder abzureisen.
Ausgerechnet Aschenbach fällt mir bei Triest ein. Vielleicht liegt es an der morbiden Atmosphäre in "Tod in Venedig", die ich unwillkürlich auch Triest andichte. Was mir von der Novelle vor allem im Kopf geblieben ist, das ist die Erinnerung daran, daß der alternde Schriftsteller das Dampfboot, das ihn in sein Verderben fährt, in Triest besteigt. Das Schicksal nimmt also bereits in der Hauptstadt des Küstenlandes seinen Lauf, denn dort begegnet Aschenbach zum ersten Mal seinem Alter Ego in spe: dem geckenhaft herausgeputzten, geschminkten, ondulierten und "stutzerhaft" gekleideten Alten, zu dem er kurz vor seinem Hinscheiden am Lido di Venezia selbst mutieren wird.

Österreich im ewigen Eis

Triest bleibt ein Ort, von wo aus man den Blick in die Ferne schweifen läßt. So tut es auch Josef Mazzini, ein literarischer Triestiner, der gleichermaßen in Österreich und in Italien beheimatet ist.
In Mazzini, dem Helden aus Christoph Ransmayrs Roman Die Schrecken des Eises und der Finsternis findet sich die ganze Zerrissenheit des modernen Suchenden. Unzufrieden mit der Enge der Adriastadt und seinem Leben zwischen zwei Sprachen wird er zum Mitteleuropäer, der als Student in Wien über den Tellerrand blickt. Und zum Weltbürger schwingt er sich auf, als er auf den Spuren der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition von 1872, an der Antonio Scarpa, der Großvater des Helden, teilgenommen haben soll, nach Spitzbergen aufbricht.
So unglaublich es scheint: es war die von Pacher und Weyprecht geführte k.u.k. Expedition, die mit der Entdeckung des Franz-Josef-Landes vor der Nordküste Rußlands in den Jahren 1872 bis 1874 den letzten weißen Flecken auf den Seekarten füllte. Die Figur des Josef Mazzini hat deshalb etwas Gezwungenes, Konstruiertes, weil der österreichische Kosmopolit Ransmayr anhand von ihr diese Geschichte erzählbar macht, die aus heutiger Perspektive absurd erscheint. Es ist der Widerspruch, der schon Thomas Bernhards Gestalten erfüllt: Wie ist der Universalismus, der einmal mit dem Namen Österreich verbunden war, heute noch denkbar? Um diese Frage aufzuwerfen, greift der Autor tief in die altösterreichische Klamottenkiste und erweckt damit auch die Stadt Triest zu neuem Leben, die so etwas Unwirkliches und Parabolisches gewinnt.
Mazzinis einziges Bestreben ist es, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Das funktioniert aber nur, indem er die Geschichte wörtlich nimmt:
"Er entwerfe, sagte Mazzini, gewissermaßen die Vergangenheit neu. Er denke sich Geschichten aus, erfinde Handlungsabläufe und Ereignisse, zeichne sie auf und prüfe am Ende, ob es in der fernen oder jüngsten Vergangenheit jemals wirkliche Vorläufer oder Entsprechungen für die Gestalten seiner Phantasie gegeben habe."
Und am Widerspruch, der sich aus dieser Haltung ergibt, scheitert Mazzini. Am Ende geht er auf dem Weg zum Franz-Josef-Land im Eis von Spitzbergen verloren.

Zweimal Erinnerungen an Triest
"…man erinnert sich an etwas als Vergangenheit, was noch Zukunft ist und am Ende vielleicht nicht eintritt, man erinnert sich an das, was nicht gewesen ist."
(Javier Marías: Morgen in der Schlacht denk an mich)

Wenn ich die Zusammenhänge und Histörchen, wirklichen und erfundenen Persönlichkeiten, auf die ich hier zu sprechen gekommen bin, Revue passieren lasse, scheinen sie mir wie alte Vertraute.
Sicher, ich habe nicht das faulige Kanalwasser an der Hafenmole von Triest geschnuppert, habe weder mit Svevo und Joyce Illy-Kaffee getrunken noch mit Slavenka Drakulic Schuhkäufe erledigt. Vielleicht habe ich einfach nur die Gedanken schweifen lassen, als mir V. von seiner Triest-Reise erzählte. Und dabei habe ich mir, wie Josef Mazzini, eine Stadt erfunden, deren Wirklichkeitsgehalt es nun zu prüfen gilt.
Es sollte klar geworden sein, daß ich hier nicht als Tourist, Historiker oder Geograph auftrete. Es ging mir darum, meinen Vorstellungen von Triest auf die Spur zu kommen, sie zu bündeln und ihnen nachzuhängen, ganz so wie man Erinnerungen nachhängt. Das Tauchboot der Tiefseeforscher mag als Einstieg herhalten - als eine absurde, aber, wie ich finde, schöne Metapher für Erinnerungen, die keinen Grund haben.
Meine kleine, private Vision, die V.s Erzählungen wieder hervorgekramt haben, wird mir dabei so lange erhalten bleiben, bis das eigene Erleben diese Form der Erinnerung übertüncht oder sogar ganz auslöscht und eine neue, zweite Erinnerung an ihre Stelle setzt. Es kommt aber nicht nur darauf an, gesehen, gerochen, gespürt zu haben. Zu diesen authentischen Wahrnehmungen wäre man sowieso nicht gelangt, wenn man nicht zuvor schon darauf aufmerksam geworden wäre. Erst das Denken und Wünschen schärft den Blick.


Patrick Wilden, 7. Juni - 29. August 2003

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© 2003 Kultura (alle Beiträge unterliegen dem Copyright der jeweiligen Autoren, Küstler und Institutionen. Widerrechtliche Weiterverbreitung ist strafbar.)
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