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"Von Lenin, Gorkij und hölzernen Katen"

Museums- und Denkmalskultur in Rußland

von Lars Karl


"Hölzernes Rußland"


Detail eines Bauernhauses


Die russische Gesellschaft war bis in die dreißiger Jahre unseres Jahrhunderts überwiegend agrarisch geprägt, und obwohl heute nur noch ein geringer Prozentsatz der Russen in der Landwirtschaft beschäftigt ist, erscheinen sie manch einem Westeuropäer noch immer als Volk von ruraler Prägung. Die Traditionen des "hölzernen Rußland", die sich in Jahrhunderten herausgebildet haben, erwiesen sich als langlebig, als eine der zentralen Kontinuitäten russischer Geschichte.


Bauernhaus im Museum für Holzbaukunst, Kostroma



So ist es nicht verwunderlich, daß Freilichtmuseen, in denen Zeugnisse bäuerlicher Holzarchitektur zusammengetragen wurden, eine größere Rolle spielen als in unseren Breiten. Wie fast jede größere Stadt verfügt auch Kostroma über ein Museum für Holzbaukunst, auf dessen Gelände sich dem Besucher eine umfangreiche und sehenswerte Sammlung von Sakral-, Wohn- und Wirtschaftsbauten aus dem Kostromaer Gebiet des 16. bis 19. Jahrhunderts erschließt.


Christi-Verklärungs-Holzkirche auf Pfählen


Besonderes Ausstellungsstück ist die Christi-Verklärungs-Holzkirche aus dem Dorf Spas-Weschi. Sie wurde 1628 in der altertümlichen Form der Zelltypkirche mit strenger Silhouette und steilem Dach erbaut. Beim Bau des Gorkij-Kraftwerkes im Jahre 1955 wurde sie aus dem Überschwemmungsgebiet umgesetzt. Die Kirche wurde aus Eichengebälk errichtet und ruht, da sie ursprünglich am Unterlauf der Wolga stand, auf 24 Eichenpfählen.

Denkmalskultur


Ivan Susanin



Daneben präsentiert sich Rußland als ein Land mit einer ausgeprägten Denkmalskultur. So findet man zum Beispiel in jeder bedeutenderen Stadt Denkmäler, die einem lokalen Helden gewidmet sind, wie hier das Denkmal für Ivan Susanin in Kostroma. Der Bauer Ivan Susanin wurde im Jahre 1613, als die Polen weite Teile des Moskauer Reiches besetzt hatten, von polnischen Truppen gefangengenommen. Susanin sollte die Invasoren zum Kostromaer Gut des Zaren führen. Er täuschte die Polen, führte sie vom richtigen Weg ab, gestand seine List und wurde erschlagen. Nach seinem Tod wurde Susanin als Held im Befreiungskampf gegen die polnischen Invasoren gefeiert und seine Tat zum Mythos verklärt.


Maxim Gorkij auf dem Gorkij-Platz in Nischnij Nowgorod


Einem Mythos anderer Art begegnet man in Nischnij Nowgorod, der Geburtsstadt von Maxim Gorkij. Dieser wurde lange Zeit als der "proletarische Schriftsteller" in der Sowjetunion zur lebenden Ikone hochstilisiert. Gorkij sind in der Stadt, die von 1932 bis 1991 seinen Namen trug, insgesamt drei Museen und eine nicht zu überschauende Zahl von Denkmälern, Gedenksteinen und Erinnerungstafeln gewidmet. So wird auch der zentrale Gorkij-Platz von einem Denkmal des Schriftstellers dominiert.


Lenindenkmal in Kostroma


Auch wenn der Zerfall der Sowjetunion mittlerweile schon einige Jahre zurückliegt, gerade in der russischen Provinz dominiert ihr Gründer noch immer das Stadtbild. Zu Sowjetzeiten ergossen sich die Lenindenkmäler in einer wahren Flut über das Land.
Auch in Kostroma hat das Lenindenkmal eine denkwürdige Geschichte: Lenin steht auf einem hohen Sockel, den reiche Kostromaer Kaufleute im Jahre 1913 anläßlich des 300jährigen Bestehens der Romanow-Dynastie finanzierten. Auf dem Sockel thronte Nikolaij II. samt seinem Sohn und Thronfolger Alexej. Die Bronzefiguren der beiden Romanows kamen allerdings während der Bürgerkriegswirren abhanden, so daß der kahle Sockel in Vergessenheit geriet. Anfang der 20er Jahre kam aus den Reihen der Bolschewiki der Vorschlag, auf dem Sockel ein Lenindenkmal zu errichten, als "Symbol des Sieges des Proletariats über Autokratie und Bourgeoisie". An Wochenenden arbeiteten Arbeitskollektive in freiwilligen Subbotniks, und am 1. Mai 1928 wurde die Leninfigur auf dem zaristischen Sockel unter den Klängen der Internationale eingeweiht.


Relieftafeln mit Szenen aus Revolution und Bürgerkrieg


Natürlich wurden auch die alten Relieftafeln, auf denen Szenen aus der Geschichte der Romanow-Dynastie dargestellt waren, durch heroisierende Darstellungen von Ereignissen aus Revolution und Bürgerkrieg ersetzt.


Heldendenkmal in Rostow Welikij


Mindestens ebenso zahlreich wie Lenin sind die diejenigen Denkmäler, die dem Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg gewidmet sind. Allein im europäischen Teil der Russischen Föderation wird ihre Zahl auf ca. 27 000 geschätzt. Die monumentale Kunst besteht vorzugsweise aus hochwertigen Materialien wie rostfreiem Stahl, Granit oder - wie im Fall dieses Heldendenkmals in Rostow Welikij - aus Marmor. Diese Denkmäler lassen den Zweiten Weltkrieg als eine überaus heroische Periode der sowjetischen Geschichte erscheinen und machten den Sieg über Hitlerdeutschland zur einer wichtigen Legitimationsquelle des Sowjetregimes.

Erinnerungskomplex Poklonnaja Gora


Poklonnaja Gora; © www.goldenring.ru


Aber das Kapitel einer Erinnerungskultur der monumentalen architektonischen Maßstäbe ist mit dem Zerfall der Sowjetunion nicht abgeschlossen. Seit 1995 ist am Rande des "Park Pobedy", des "Siegesparks" im Westen Moskaus, dieser monumentale Erinnerungskomplex zu Ehren der russischen Toten des Zweiten Weltkriegs zu bestaunen.
Nähert man sich der Anlage von Ferne, fällt zuerst die fast halbrunde Fassade des wuchtigen Hauptgebäudes in den Blick. Aufgrund seiner Monumentalität von den Moskauern oft als "Reichstag" oder "Reichskanzlei" tituliert, bildet der Bau den Hintergrund für das wohl gewaltigste Denkmal der russischen Hauptstadt, den 142 Meter hohen Siegesobelisken, geschaffenen von dem nicht unumstrittenen Künstler Zurab Cereteli.


Poklonnaja Gora - Obelisk; © Verlag Panorama, Moskau 1996


Der Obelisk ist mit den in verschiedene Reliefs eingebetteten Namen der "Heldenstädte" überdeckt. Vor ihm - Georg der Drachentöter, Schutzheiliger von Moskau und Überwinder alles Bösen.


Poklonnaja Gora


Zu Gorbatschows Zeiten war noch nach einer weniger aufwendigen, aber stimmungsvollen Alternative gesucht worden. Rußlands erster demokratischer Präsident Boris Jelzin bestand auf einer Lösung, die wuchtig ist, ein Symbol des Triumphes, das der Erinnerung an den Sieg zu dienen hat.
Den hochfliegenden Plänen des Präsidenten hatte sich der angemessene Partner zugesellt. Cereteli ist energisch wie sein Auftraggeber, sein Lebenstil unterstreicht seinen Sinn für praktische Ökonomie, und er besticht als Mann genialen Formats wenigstens in Fragen der Organisation. Es wäre falsch, das Zusammenwirken des dynamischen Paares allein unter ästhetischen Kriterien bewerten zu wollen. Sie beide sind Männer mit Visionen und haben genug Entschlossenheit, ihre Vorstellungen auch durchzusetzen - mag die Triebkraft auch größer sein als der Kunstverstand.


Lars Karl November 2002
Bilder sind - wenn nicht anders angegeben - von Lars Karl




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