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Internet-Extra

Virtuelles Mitteleuropa

Die Frankfurter Online-Bibliothek C.E.E.O.L. erschließt unbekannten Kulturraum

www.ceeol.com
Central and Eastern European Online Library c/o Questa.Soft GmbH
Offenbacher Landstrasse 368
D - 60599 Frankfurt am Main

Tel.: +49 (0)69 6860250
Fax: +49 (0)69 65009682

info@ceeol.com

Mitteleuropa ist ein altes Schlagwort. Noch im Ersten Weltkrieg wurden - unter der Ägide der dahinsiechenden Donaumonarchie - handfeste imperialistische Forderungen damit verknüpft, der Zweite Weltkrieg brachte dann die weitgehende Auslöschung der Landschaften, die einmal als Mitteleuropa gedacht worden waren. Joseph Roth, ohne den man, wie der Mittelosteuropa-Experte Karl Schlögel erst kürzlich bei einer Lesung bemerkte, Mitteleuropa nicht denken könne, starb 1939 im Pariser Exil. Und in der Zeit des Kalten Krieges blieb die Vorstellung eines Mitteleuropa nur in den Herzen einiger weniger dissidentischer Intellektueller beiderseits des Eisernen Vorhangs erhalten.
Hatte Mitteleuropa jemals einen konkreten Raum besessen, in dem es sich entfaltete, so war dieser nun weitgehend abhanden gekommen.
Daher verwundert es auch nicht, dass mittlerweile zahlreiche Versuche gestartet werden, dem vielseitigen und multilingualen Gefüge, das 1945 zerbrach, mithilfe des Internets einen neuen, wenn auch virtuellen Rahmen zu geben. Seit 2001 bietet nun die Frankfurter Firma QUESTA.Soft in Zusammenarbeit mit dem Ende Oktober 2003 geschlossenen Ost-West-Forum Palais Jalta eine Online-Datenbank an, durch die zugänglich gemacht werden soll, was heute zwischen Sofia und Tallinn, zwischen Chisinau/Kishinjow und Frankfurt an der Oder gedacht und vor allem was in den zahllosen Zeitschriften dieses Raumes geschrieben wird.
Die Central and Eastern European Online Library (C.E.E.O.L.) hat sich viel vorgenommen. Die Bibliothek möchte nicht nur einfach Original-Artikel aus verwunschenen mazedonischen, albanischen oder moldavischen Literaturzeitschriften online zur Verfügung stellen. In ihrer Projektvorstellung formulieren Bea und Wolfgang Klotz, die die Internetplattform betreiben, als wichtigstes Ziel, aus CEEOL das Webportal für den mittel- und osteuropäischen Raum zu machen.
Sicherlich ein ambitioniertes Ziel. Aber was haben Archiv und Bibliothek nun eigentlich zu bieten? Dem CEEOL-Nutzer stehen bislang etwa 7500 Artikel aus 82 Zeitschriften zur Verfügung, die in 14 Ländern Mittel- und Osteuropas erscheinen. Die meisten Periodika, nämlich 26, sind dabei dem Allgemeinbereich Gesellschaft und Kultur zugeordnet, während im politikwissenschaftlich Sektor 16 und unter Literatur und Geschichte jeweils 15 Zeitschriften rubriziert sind.
Eine nähere Betrachtung muss diese Bilanz allerdings relativieren. Wohl bilden die großen Länder wie Tschechien, Polen, Ungarn oder Rumänien mit ihrem regen kulturellen Leben die Schwerpunkte der Dokumentation. Andere Staaten wie Albanien oder Mazedonien sind jedoch oft unterrepräsentiert, aus der Ukraine, dem zweitgrößten Flächenstaat Europas, finden sich nur ganze zwei Organe in der CEEOL-Datenbank. Kroatien scheint sich als einziges Land des ehemaligen Jugoslawien eine lebendige intellektuelle Szene zu leisten, Serbien und Montenegro hingegen sind fast ausschließlich durch das Belgrader Journal Rec repräsentiert. Slowenien, das auf der letzten Frankfurter Buchmesse mit einem so ausgefeilten Auftritt für sich warb, sucht man genauso vergeblich wie Periodika aus Lettland oder Litauen. Den baltischen Raum vertreten nur zwei estnische Zeitschriften. Ist da denn nicht noch viel mehr zu holen?
Diese nicht eben ermutigende Bilanz wird noch zusätzlich verdüstert durch die Tatsache, dass bislang nur wenige Artikel und Nummern pro Zeitschrift überhaupt erfasst worden sind. Das spiegelt ein wenig das Dilemma wider, in dem sich ein selbstständig wirtschaftendes Podium wie CEEOL befindet. Erst müssen Verträge mit den einzelnen, oftmals unregelmäßig erscheinenden und semiprofessionell betriebenen Kultur- und Literaturblättern in den einzelnen Ländern geschlossen werden, dann müssen die einzelnen Artikel als pdf-Dokumente zur Verfügung gestellt werden, bevor sie sich in die professionell angelegte CEEOL-Datenbank einspeisen lassen.
Ein zusätzliches Angebot stellt immerhin die Neuedition alter oder vergriffener Bücher als E-Books dar, wie beispielsweise der Balkan-Bericht der Carnegie-Stiftung (Enquête dans les Balkans) aus dem Jahre 1914. Das alles ergibt ein höchst fragmentarisches Bild, und es zeigt auch, wie mühevoll es sogar mit modernsten Mitteln ist, die zerrissene Einheit des mitteleuropäischen Raumes wieder neu zu formieren.
Ein Blick in die Geschäftsbedingungen der Betreiberfirma QUESTA.Soft zeigt allerdings zumindest die Richtung an, in die es geht. Anders als bei EU-finanzierten Webprotalen wie etwa Eurozine ist der Zugang zu CEEOL nicht kostenfrei. Was sich für den einzelnen User zunächst als Nachteil erweist - die Zahlung erfolgt über ein Account, das sich jeder erst gestalten und befüllen muss -, könnte für universitäre Spezialisten, Bibliotheken, Stiftungen oder größere Institutionen zum Vorteil werden, da sie feste Abonnements einrichten können, für die CEEOL ansprechende Rabatte zwischen 10 (Regierung und Verwaltung) und 45 Prozent (NGOs) gewährt.
Weitere Möglichkeiten bietet die Plattform durch die differenzierte Maske, mit der sich nach Artikeln und Autoren, Periodika und Herausgebern suchen lässt. Die biographischen Informationen fallen nicht immer so ausführlich aus wie etwa bei dem ukrainischen Autor Juri Andruchowytsch, aber immerhin gibt es zu fast jedem Artikel oder E-Book-Kapitel ein recht informatives Summary. Auch die Preise liegen nicht höher als bei den gängigen Online-Archiven überregionaler Tageszeitungen, pro Einheit wird durchschnittlich 1,50 Euro berechnet.
Abgerundet wird das Angebot durch Linklisten, die mit einer Suchmaske abrufbar sind. Mit dieser professionellen Ausstattung ebnet CEEOL zumindest einen Weg, auf dem sich die erwünschte Zielgruppe von Journalisten, Wissenschaftlern und Forschungseinrichtungen, von Intellektuellen und Künstlern ihre dringend benötigten Informationen beschaffen kann.
Wünschenswert wäre, dass auch die Schönheitsfehler über kurz oder lang noch korrigiert werden. Es fragt sich beispielsweise, ob das nicht immer ganz kohärente Business-Englisch, mit dem CEEOL operiert, für die vielen Emigranten, die die Herausgeber erreichen wollen, tatsächlich das adäquate Medium ist. Es ist kaum zu bestreiten, dass sich Englisch neben den 'klassischen' Hegemonialsprachen Deutsch und Russisch langfristig erst durchsetzen muss. Der Streit um die 'lingua franca' in Mittelosteuropa, der immer auch politisch zu deuten war und ist, wird wohl erst im Zuge der EU-Osterweiterung entschieden werden.
Auch bleibt zu fragen, warum zwar einige (z.T. bereits veraltete) Forschungsorgane aus Deutschland, Frankreich, Italien und sogar Japan in den Kreis der Zeitschriften aufgenommen wurden, warum der 'große Bruder' Russland jedoch völlig fehlt. Problematisch ist nicht zuletzt, dass einige wenige Online-Zeitschriften, die CEEOL anzapft, wie etwa das tschechische Politjournal Transitions Online, im Netz selbst kostenlos erscheinen.
Diese kleinen Mängel können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass das CEEOL-Projekt im Kern als äußerst lobenswerte Initiative betrachtet werden muss, auch wenn es zunächst ein 'work in progress' bleiben wird. Bedenkt man aber, dass sich CEEOL als eine Bibliothek versteht, die ganz gezielt bislang wenig erschlossene Kulturlandschaften zugänglich macht, kann sich das Portal eigentlich nur immer weiter ausdifferenzieren und in Umfang und Kundenfreundlichkeit stetig verbessern. Ein Joint Venture mit Eurozine, wie es die gegenseitige Werbung vermuten lässt, ist ebenfalls nachdrücklich zu unterstützen.
Man könnte sogar so weit gehen zu mutmaßen, dass es an Projekten wie CEEOL liegen wird, Mittel-, ja das gesamte Europa wieder als einen in sich geschlossenen Bezugsraum zu erschließen. Und Joseph Roth wäre dann nicht ganz umsonst gestorben.

p.w. - red. / 28. Oktober 2003




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