Virtuelles Mitteleuropa
Die Frankfurter Online-Bibliothek C.E.E.O.L. erschließt
unbekannten Kulturraum
www.ceeol.com
Central and Eastern European Online Library
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Mitteleuropa ist ein altes Schlagwort. Noch im Ersten Weltkrieg
wurden - unter der Ägide der dahinsiechenden Donaumonarchie -
handfeste imperialistische Forderungen damit verknüpft, der Zweite
Weltkrieg brachte dann die weitgehende Auslöschung der Landschaften,
die einmal als Mitteleuropa gedacht worden waren. Joseph Roth,
ohne den man, wie der Mittelosteuropa-Experte Karl Schlögel erst
kürzlich bei einer Lesung bemerkte, Mitteleuropa nicht denken könne,
starb 1939 im Pariser Exil. Und in der Zeit des Kalten Krieges
blieb die Vorstellung eines Mitteleuropa nur in den Herzen einiger
weniger dissidentischer Intellektueller beiderseits des Eisernen
Vorhangs erhalten.
Hatte Mitteleuropa jemals einen konkreten Raum besessen, in dem
es sich entfaltete, so war dieser nun weitgehend abhanden gekommen.
Daher verwundert es auch nicht, dass mittlerweile zahlreiche
Versuche gestartet werden, dem vielseitigen und multilingualen
Gefüge, das 1945 zerbrach, mithilfe des Internets einen neuen,
wenn auch virtuellen Rahmen zu geben. Seit 2001 bietet nun die
Frankfurter Firma QUESTA.Soft in Zusammenarbeit mit dem Ende Oktober
2003 geschlossenen Ost-West-Forum Palais Jalta eine
Online-Datenbank an, durch die zugänglich gemacht werden soll, was
heute zwischen Sofia und Tallinn, zwischen Chisinau/Kishinjow und
Frankfurt an der Oder gedacht und vor allem was in den zahllosen
Zeitschriften dieses Raumes geschrieben wird.
Die Central and Eastern
European Online Library (C.E.E.O.L.)
hat sich viel vorgenommen. Die Bibliothek möchte nicht nur einfach
Original-Artikel aus verwunschenen mazedonischen, albanischen oder
moldavischen Literaturzeitschriften online zur Verfügung stellen.
In ihrer Projektvorstellung formulieren Bea und Wolfgang Klotz,
die die Internetplattform betreiben, als wichtigstes Ziel, aus
CEEOL das Webportal für den mittel- und osteuropäischen Raum zu
machen.
Sicherlich ein ambitioniertes Ziel. Aber was haben Archiv und
Bibliothek nun eigentlich zu bieten? Dem CEEOL-Nutzer stehen
bislang etwa 7500 Artikel aus 82 Zeitschriften zur Verfügung, die
in 14 Ländern Mittel- und Osteuropas erscheinen. Die meisten
Periodika, nämlich 26, sind dabei dem Allgemeinbereich Gesellschaft
und Kultur zugeordnet, während im politikwissenschaftlich Sektor
16 und unter Literatur und Geschichte jeweils 15 Zeitschriften
rubriziert sind.
Eine nähere Betrachtung muss diese Bilanz allerdings relativieren.
Wohl bilden die großen Länder wie Tschechien, Polen, Ungarn oder
Rumänien mit ihrem regen kulturellen Leben die Schwerpunkte der
Dokumentation. Andere Staaten wie Albanien oder Mazedonien sind
jedoch oft unterrepräsentiert, aus der Ukraine, dem zweitgrößten
Flächenstaat Europas, finden sich nur ganze zwei Organe in der
CEEOL-Datenbank. Kroatien scheint sich als einziges Land des
ehemaligen Jugoslawien eine lebendige intellektuelle Szene zu
leisten, Serbien und Montenegro hingegen sind fast ausschließlich
durch das Belgrader Journal Rec repräsentiert. Slowenien,
das auf der letzten Frankfurter Buchmesse mit einem so ausgefeilten
Auftritt für sich warb, sucht man genauso vergeblich wie Periodika
aus Lettland oder Litauen. Den baltischen Raum vertreten nur zwei
estnische Zeitschriften. Ist da denn nicht noch viel mehr zu
holen?
Diese nicht eben ermutigende Bilanz wird noch zusätzlich verdüstert
durch die Tatsache, dass bislang nur wenige Artikel und Nummern
pro Zeitschrift überhaupt erfasst worden sind. Das spiegelt ein
wenig das Dilemma wider, in dem sich ein selbstständig wirtschaftendes
Podium wie CEEOL befindet. Erst müssen Verträge mit den einzelnen,
oftmals unregelmäßig erscheinenden und semiprofessionell betriebenen
Kultur- und Literaturblättern in den einzelnen Ländern geschlossen
werden, dann müssen die einzelnen Artikel als pdf-Dokumente zur
Verfügung gestellt werden, bevor sie sich in die professionell
angelegte CEEOL-Datenbank einspeisen lassen.
Ein zusätzliches Angebot stellt immerhin die Neuedition alter oder
vergriffener Bücher als E-Books dar, wie beispielsweise der
Balkan-Bericht der Carnegie-Stiftung (Enquête dans les Balkans)
aus dem Jahre 1914. Das alles ergibt ein höchst fragmentarisches
Bild, und es zeigt auch, wie mühevoll es sogar mit modernsten
Mitteln ist, die zerrissene Einheit des mitteleuropäischen Raumes
wieder neu zu formieren.
Ein Blick in die Geschäftsbedingungen der Betreiberfirma QUESTA.Soft
zeigt allerdings zumindest die Richtung an, in die es geht. Anders
als bei EU-finanzierten Webprotalen wie etwa
Eurozine
ist der Zugang zu CEEOL nicht kostenfrei. Was sich für den einzelnen
User zunächst als Nachteil erweist - die Zahlung erfolgt über ein
Account, das sich jeder erst gestalten und befüllen muss -, könnte
für universitäre Spezialisten, Bibliotheken, Stiftungen oder größere
Institutionen zum Vorteil werden, da sie feste Abonnements einrichten
können, für die CEEOL ansprechende Rabatte zwischen 10 (Regierung
und Verwaltung) und 45 Prozent (NGOs) gewährt.
Weitere Möglichkeiten bietet die Plattform durch die differenzierte
Maske, mit der sich nach Artikeln und Autoren, Periodika und
Herausgebern suchen lässt. Die biographischen Informationen fallen
nicht immer so ausführlich aus wie etwa bei dem ukrainischen Autor
Juri Andruchowytsch, aber immerhin gibt es zu fast jedem Artikel
oder E-Book-Kapitel ein recht informatives Summary. Auch die Preise
liegen nicht höher als bei den gängigen Online-Archiven überregionaler
Tageszeitungen, pro Einheit wird durchschnittlich 1,50 Euro
berechnet.
Abgerundet wird das Angebot durch Linklisten, die mit einer Suchmaske
abrufbar sind. Mit dieser professionellen Ausstattung ebnet CEEOL
zumindest einen Weg, auf dem sich die erwünschte Zielgruppe von
Journalisten, Wissenschaftlern und Forschungseinrichtungen, von
Intellektuellen und Künstlern ihre dringend benötigten
Informationen beschaffen kann.
Wünschenswert wäre, dass auch die Schönheitsfehler über kurz oder
lang noch korrigiert werden. Es fragt sich beispielsweise, ob das
nicht immer ganz kohärente Business-Englisch, mit dem CEEOL operiert,
für die vielen Emigranten, die die Herausgeber erreichen wollen,
tatsächlich das adäquate Medium ist. Es ist kaum zu bestreiten,
dass sich Englisch neben den 'klassischen' Hegemonialsprachen Deutsch
und Russisch langfristig erst durchsetzen muss. Der Streit um die
'lingua franca' in Mittelosteuropa, der immer auch politisch zu
deuten war und ist, wird wohl erst im Zuge der EU-Osterweiterung
entschieden werden.
Auch bleibt zu fragen, warum zwar einige (z.T. bereits veraltete)
Forschungsorgane aus Deutschland, Frankreich, Italien und sogar
Japan in den Kreis der Zeitschriften aufgenommen wurden, warum der
'große Bruder' Russland jedoch völlig fehlt. Problematisch ist
nicht zuletzt, dass einige wenige Online-Zeitschriften, die CEEOL
anzapft, wie etwa das tschechische Politjournal
Transitions Online,
im Netz selbst kostenlos erscheinen.
Diese kleinen Mängel können jedoch nicht darüber hinwegtäuschen,
dass das CEEOL-Projekt im Kern als äußerst lobenswerte Initiative
betrachtet werden muss, auch wenn es zunächst ein 'work in progress'
bleiben wird. Bedenkt man aber, dass sich CEEOL als eine Bibliothek
versteht, die ganz gezielt bislang wenig erschlossene Kulturlandschaften
zugänglich macht, kann sich das Portal eigentlich nur immer weiter
ausdifferenzieren und in Umfang und Kundenfreundlichkeit stetig
verbessern. Ein Joint Venture mit Eurozine, wie es die gegenseitige
Werbung vermuten lässt, ist ebenfalls nachdrücklich zu unterstützen.
Man könnte sogar so weit gehen zu mutmaßen, dass es an Projekten
wie CEEOL liegen wird, Mittel-, ja das gesamte Europa wieder als
einen in sich geschlossenen Bezugsraum zu erschließen. Und Joseph
Roth wäre dann nicht ganz umsonst gestorben.
p.w. - red. / 28. Oktober 2003
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