| Wehrmachtsausstellung-Extra |
Bloody old Wehrmacht
Über die Unübersetzbarkeit eines Wortes und die Nachdenklichkeit
der Deutschen
Blättert man in den Kolumnen des irischen Schriftstellers Flann O'Brien,
vor allem in den Various Lives of Keats and Chapman, die meines
Wissens noch nicht übersetzt sind, so stößt man unvermittelt auf eine
Glosse mit dem erstaunlichen Titel "Wehrmacht". Dem Text liegt ein
unübersetzbares Wortspiel zugrunde: Chapman, englischer Homer-Übersetzer
und einer der beiden Hauptcharaktere, arbeitet während seines
Chemiestudiums in München an der Kategorisierung und Katalogisierung
von Drüsen, auf Englisch glands. Sein Freund Keats, der berühmte
Romantiker, besucht ihn und läßt sich von Chapman sein Leid klagen:
Die Erfassung der glands sei schwierig, so Chapman, A-, B-,
C-Drüsen und so fort, und gerade sitze er über der N-Drüse, die er
gar nicht einordnen könne. "But I'm going to keep after it. I
won't let it beat me. I'll win yet." Keats hört sich die Klagen
des Freundes an, während er herumgeht und eine Melodie vor sich hin
pfeift. "What's that you're whistling?" fragt ihn Chapman
irgendwann neugierig. Und Keats antwortet: "Wir
fahren gegen N-gland."
Was hat nun diese Glosse mit der Wehrmacht zu tun, mit der Armee
des nationalsozialistischen Deutschland, die Europa in den Jahren
1939 bis 1945 mit einem beispiellos grausamen Krieg überzog? Abgesehen
davon, daß es sich beim England-Lied - dessen Refrain übrigens korrekt
lautet: "Wir fahren gegen En-ge-land" - um ein seinerzeit nicht
unbekanntes Soldatenliedchen handelt, - eigentlich nicht viel. Über
die Wehrmacht, die Armee, in der unsere Väter und Großväter kämpften,
macht man hierzulande bekanntlich keine Witze - und deshalb wird
O'Briens Text auch so schnell keinen Übersetzer finden.
Wenn man hingegen in Rechnung stellt, daß die Erinnerungskultur
um den Zweiten Weltkrieg gerade im Deutschland der tabubeladenen 50er
Jahre beim Landser-Mythos, bei Groschenromanen und populären Helden-
und Durchhaltegeschichten ansetzte, dann war Flann O'Brien, auch wenn
er auf seiner kleinen Insel im Atlantik saß, ganz Kind seiner Zeit.
Die Keats-and-Chapman-Kolumnen erschienen ab Dezember 1951 im
Dubliner Magazin Social and Personal. Und wenn O'Brien auch
vieles nicht gewußt haben mag - für den 1966 verstorbenen Iren war
die Wehrmacht zumindest ein feststehender Begriff.
Die Wehrmacht - das weiß die deutsche Militärgeschichtsschreibung
schon seit den 60er Jahren - war aber beileibe nicht der saubere,
ritterlich kämpfende und Leid erprobte Abenteuerverein, den führende
Generäle und Volkes Stimme in der Frühzeit der Bundesrepublik aus ihr
machte. Sie war im Gegenteil in dem, was ihre Befehlsstrukturen bargen
und verklausulierten, und durch das, was nicht eben wenige ihrer
(insgesamt 19 Millionen) ehemaligen Angehörigen hinter herrschenden
Tabus verborgen wissen wollten, eine in vielerlei Hinsicht
verbrecherische Organisation.
Das akkumulierte Wissen der Militärhistoriker über die negative
Seite der Wehrmacht konnte allerdings erst fünfzig Jahre nach ihrer
Auflösung so präsentiert werden, daß die Wehrmacht als feststehender
Begriff zu zerfallen begann. 800.000 Menschen, rund ein Prozent der
Deutschen, sahen die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung,
die zwischen 1995 und 1999 unter dem Namen "Vernichtungskrieg" durch
die Republik zog. Durch glückliche Fügung - der CSU-Politiker Peter
Gauweiler schoß sich 1997 mit seiner Münchener Postaktion virtuos
ins eigene Knie - bekam die so scharf attackierte Ausstellung das nötige
Medienecho und ist seit November 2001 nun in einer wissenschaftlich
überarbeiteten Neuausgabe mit dem Titel "Verbrechen der Wehrmacht"
überall im Land zu sehen.
Wer sich die Gesamtschau dieses düstersten Kapitels des deutschen
Militarismus angeschaut hat, wer sich in der noch bis 13. Juli in
Schwäbisch Hall zu
sehenden Ausstellung beispielsweise mit dem Leid
sowjetischer Kriegsgefangener befaßt hat, ja wer in irgendeiner Weise
ermessen kann, daß 3,3 Millionen dieser Menschen durch die bewußte
Fahrlässigkeit der zuständigen Befehlshaber verhungerten, an Entkräftung
oder Krankheit, auf tagelangen Todesmärschen oder Fahrten im offenen
Viehwaggon krepierten, dem ist bei dem Wort "Wehrmacht" nicht eben
zum Spaßen zumute.
Auch am Holocaust, dem bekanntermaßen sechs Millionen europäische
Juden zum Opfer fielen, war die Wehrmacht beteiligt. Ohne ihr logistisches
Netzwerk hätte die jüdische Bevölkerung der eroberten Gebiete Mittel-
und Osteuropas gar nicht erfaßt, als jüdisch gekennzeichnet, ja
dingfest gemacht werden können. "Schießen müßt ihr", sagte der Kiewer
Stadtkommandant Karl Eberhard am 26. September 1941 zum SS-Standartenführer
Paul Blobel, als dieser sich anschickte, mit seinem Sonderkommando
4a die über 30.000 örtlichen Juden in der nahegelegenen Schlucht
Babij Jar umzubringen. Aber das hieß ja auch, was oftmals der Fall
war: ihr schießt, wir - die Wehrmacht - kümmern uns ums Drumherum.
Liest man Leserbriefe von ehemaligen Soldaten in Reaktion auf die
Ausstellung in der Lokalpresse, so stößt man immer wieder auf ein
Argument, das auch heute noch jegliche Kritik an ihnen als ehemaligen
Angehörigen dieser gigantischen, ideologisierten Wehrgemeinschaft
abschmettern soll: Ihr, die Nachgeborenen, die ihr nicht dabei wart,
könnt, was wir erlebt haben, heute gar nicht mehr verstehen. Zugespitzt
gesagt: Ihr habt kein Recht, uns zu verurteilen.
Und fast scheint es so, als hätten diese alten Männer, die meiner
Generation tatsächlich nur noch als mehr oder weniger liebenswerte
Opas bekannt sind, eine Heidenangst davor, von uns, den Nachgeborenen,
nicht mehr ernst genommen zu werden - so fern, so unglaublich erscheint
uns heute nach sechzig Jahren das Geschehene.
Aber der Reflex, den ich noch aus einer über zehn Jahre zurückliegenden
Unterhaltung mit meinem Großvater kenne, ist doch derselbe: die Angst,
umsonst gekämpft zu haben, für ein Unrechtsregime beinahe gestorben
zu sein, ihm in gewisser Hinsicht die seelische Gesundheit geopfert
zu haben. Diese Angst wird wohl auch erst mit dem allmählichen
Aussterben der Zeitzeugengeneration gebannt sein.
Ich habe Flann O'Briens Glosse noch einmal gelesen, bevor ich nach
Schwäbisch Hall fuhr, um dort Schulklassen durch die "Wehrmachtsausstellung"
zu führen. Ich habe viel Zeitkolorit darin gefunden: den absurden Humor,
die Leichtigkeit, über so ein 'Ding' wie die Wehrmacht zu schreiben,
selbstverständlich auch das verbreitete Ressentiment der damals neutralen
Iren gegen die alte Kolonialmacht England, die nicht wenige Bewohner
der kleinen Insel am Westrand Europas Hitler als den großen Staatsmann
preisen ließ, der er laut Sebastian Haffner gerade nicht war.
Von dem Vernichtungskrieg, den Hitler und die Wehrmacht von 1941
bis 1944 im Osten Europas führten, wird den meisten, auch Flann
O'Brien, ihr Lebtag wenig bis gar nichts bekannt gewesen sein.
Ich habe über die Glosse mit dem Titel "Wehrmacht" auch gelacht,
vielleicht nur wegen des kongenialen, sprachübergreifenden Wortspiels,
sicher auch weil der Text auf Englisch abgefaßt und nur aus der Spannung
zum Deutschen heraus wirklich komisch ist - jedenfalls für Leute, die
beide Sprachen sprechen können. Ich habe aber vor allem auch deshalb
gelacht, weil ich die widersprüchliche Wertigkeit des Begriffs
"Wehrmacht" genau kenne und in diesem Fall abschütteln konnte.
Noch ein kleiner Nachsatz soll mir gestattet sein. Selbst wenn man
es schaffen würde, das Wortspiel "Wir fahren gegen N-gland"
mit dem Deutschen kompatibel zu machen, stünde man doch irgendwann
vor dem Problem, das auch deutsche Synchronsprecher jedesmal dann zu
spüren bekommen, wenn sie die englischsprachigen Rollen eines Films
über den Zweiten Weltkrieg sprechen sollen. Das Grundprinzip der
meisten, vor allem amerikanischen Produktionen der Nachkriegszeit bis
hin zu Filmen wie "Schindlers Liste" war ja gerade, daß die 'Guten'
Englisch sprechen und die 'Bösen' Deutsch - oder sie haben zumindest,
wenn sie nicht gerade nur als dummblöd-verbissene Stahlhelmträger
Grunzlaute wie "Jawoll!" oder "Stehnbleim!" von sich geben müssen,
einen deutschen Akzent.
Das moralisch-politische Grundprinzip der meisten dieser Filme,
also die guten Anglo- gegenüber den perfiden Germanophonen, geht
jedoch in den deutschen Synchronfassungen schlichtweg verloren.
Und darum wäre auch Flann O'Briens "Wehrmacht"-Glosse, auf Deutsch
übersetzt, nicht witzig, schon weil man gezwungen wäre, alle Nuancen
dieses Wortes mitzudenken.
Mein Credo lautet folglich - und den 68ern hätte das sicherlich
gefallen: Lernt Englisch. Ansonsten bleibt - Nachdenklichkeit.
Partick Wilden, 27. Juni 2003
Siehe auch:
Artikel zur Eröffnung der Wehrmachtsausstellung
in Schwäbisch Hall
Rezension von David Albaharis Roman Götz und Meyer
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