Pressedienst Wissenschaft der Freien Universitaet Berlin
PDW 12/2003 vom 12. Maerz 2003
Das Auto als Sinnbild fuer den arroganten Staedter
Ueber den anti-automobilen Protest in Kaiserreich und Weimarer Republik
Drahtseilattentate, Strassenblockaden, Peitschenhiebe und
Steinwuerfe. Tumulte in einem afrikanischen Land kurz vor der
Revolution? Nein, der Kampf der Bevoelkerung gilt keinem
Unterdruecker aus Fleisch und Blut, sondern wir befinden uns mitten
in Europa um 1900. Mit grosser Feindseligkeit empfangen weite Kreise
der Bevoelkerung die ersten Autofahrer.
"Motorphobia". Waehrend Hochadel und Eliten an Auto, Motor, Sport
zunehmend Vergnuegen finden, regt sich im Volk der Widerstand gegen
das neue Verkehrsmittel. Der ruecksichtslose Herrenfahrer, der seinen
Reichtum als Tourist oeffentlich zur Schau stellt und sich in
"demonstrativem Muessiggang" uebt, wirkt als Provokation. Dabei gab
es am Anfang des 20. Jahrhunderts noch wenig Automobile, kaum
Verkehrstote, und an Umweltverschmutzung dachte damals so gut wie
niemand. Nicht einmal der notwendige Um- und Ausbau der Strassen auf
Kosten der Allgemeinheit fuehrte zur Empoerung, der Kampf galt dem
neuen Luxusspielzeug der Oberschicht, dem Auto.
Vor allem die Bewohner laendlicher Gegenden sahen im Auto das
Sinnbild fuer den arroganten Staedter. Aber auch das Fehlverhalten
vieler Autofahrer foerderte den Unmut. Fuer so manchen Herrn am
Steuer gewann eine Ausfahrt erst dann die richtige sportliche Note,
wenn er Hunde, Gaense oder Huehner ueberfahren konnte. Die
Autobesitzer sahen in den Unmotorisierten nur noch das Publikum.
Mediziner versuchten, den "Geisteszustand des Automobilisten" zu
ergruenden, um eine Erklaerung fuer den Schnelligkeitsrausch zu
finden. Schliesslich kam es zu den gewalttaetigen Uebergriffen auf
die Autofahrer. Die Oeffentlichkeit sah darin zwar Straftaten, aber
die Motive fanden oft grosses Verstaendnis: Gegen das Auto als Symbol
fuer Protz und Ueberheblichkeit richtete sich der Zorn.
Noch bis in die 1920er Jahre gab es immer wieder Proteste in
Deutschland. Bis preiswertere Modelle wie Opel-"Laubfrosch" und
Hanomag-"Kommissbrot" auf den Markt kamen und die Zahl der
gewalttaetigen Angriffe langsam ab nahm. Endgueltig verschwanden die
anti-automobilen Proteste aber erst in der Nazizeit. Nicht die
Demokratisierung der Autonutzung, sondern die geschickte Propaganda
brach den autofeindlichen Widerstand.
"Motorphobia" heisst die von Uwe Fraunholz am Fachbereich fuer
Geschichts- und Kulturwissenschaften an der Freien Universitaet
Berlin verfasste Dissertation zum Autohass im Kaiserreich und in der
Weimarer Republik. Fraunholz interessiert sich vor allem fuer die
geschichtlichen Zusammenhaenge und Hintergruende der gewalttaetigen
Autokritik: Waren die Uebergriffe und Drohungen Ausdruck von tiefer
liegendem, sozialem Protest? Wie wirkte sich die Einfuehrung der
Demokratie nach 1918 auf den antiautomobilen Widerstand aus?
Zum Vergleich dienen dem Forscher die Reaktionen auf die Einfuehrung
des Autos in den anderen westeuropaeischen Staaten und in den USA.
Uwe Fraunholz wertete unter anderem die fuenf wichtigsten deutschen
Automobilzeitschriften systematisch aus. Ueber 4oo Artikel berichten
von Angriffen auf Automobile im Zeitraum von 1902 bis 1932. Vor allem
von Vorfaellen, die vor Gericht endeten oder wenn es sich beim Opfer
um einen Prominenten handelte. Noch umfangreicher und ausfuehrlicher
stellten Tages- und Lokalzeitungen die Proteste dar.
Meistens warfen Einzelne Steine gegen die Autofahrer. Die Gewalt
entwickelte sich zwar nie zum Massenphaenomen. Doch durch die
Vielzahl der Aktionen und die Sympathie in der Bevoelkerung fuer die
Taten fuehlten sich die Autofahrer massiv bedroht. In den Zeitungen
erschienen Werbeanzeigen fuer spezielle Sicherheitsausstattung: Neue
Autoscheinwerfer sollten ueber die Strasse gespannte Drahtseile auch
in der Dunkelheit sichtbar machen. Reifenhersteller boten Reifen an,
die jedem Nagelbrett trotzen konnten.
Der Beginn des Automobilzeitalters war nicht nur von Gewalt gepraegt,
auch der nichtkriminelle Widerstand gegen das Auto fand weite
Verbreitung. Von kritikloser Technikbegeisterung konnte bei der
Einfuehrung des neuen Verkehrsmittels kaum die Rede sein, denn die
Autos dienten dem Vergnuegen der privilegierten Oberschicht, griffen
aber massiv in den Alltag der gesamten Bevoelkerung ein. Einzelne
oder ganze Interessensgruppen, wie die Pferdekutscher, starteten
regelrechte Anzeigenkampagnen gegen Autofahrer. Nicht nur auf dem
Land, sondern auch in den Industrieregionen veraenderte das Auto
unaufhaltsam das Gesicht der Staedte. Das Auto zerstoerte die Strasse
als Ort des Austauschs und der Begegnung. Erst die massenhafte
Verbreitung des Autos sorgte fuer die Beruhigung der Gemueter,
fuehrte aber geradewegs zu unseren heutigen Verkehrsproblemen. Seinen
Luxuscharakter behielt das Auto noch bis in die 50er Jahre bei.
von Arnulf Wieschalla
Literatur:
Uwe Fraunholz, Motorphobia. Anti-automobiler Protest in Kaiserreich
und Weimarer Republik, Goettingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2002,
Kritische Studien zur Geschichtswissenschaft, Bd. 156, (zugl.: Freie
Universitaet Berlin, Dissertation, 2000), ISBN: 3525351372
Weitere Informationen erteilt Ihnen gern:
Dr. Uwe Fraunholz, Tel.: 0351 / 46 33 48 99, E-Mail:
Uwe.Fraunholz@mailbox.tu-dresden.de
Pressedienst Wissenschaft
Freie Universitaet Berlin
Kaiserswerther Str. 16-18
14195 Berlin-Dahlem
Telefon: 030 / 838-73182
Telefax: 030 / 838-73187
http://www.fu-berlin.de/presse/fup
|
|
 |
|