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Pressedienst Wissenschaft der Freien Universitaet Berlin PDW 13/2003 vom 19. Maerz 2003

Akademische Wanderungen - der Karriere wegen

FU-Historikerin rekonstruiert Wanderwege von spaetmittelalterlichen Gelehrten

Die Universitaets- und Wissenschaftsgeschichte hat den fahrenden Scholaren bislang erstaunlich wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei ist das Unterwegssein von Gelehrten untrennbar mit der Geschichte europaeischer Universitaeten verknuepft. Besonders waehrend des 12. und 13. Jahrhunderts legten Scholaren betraechtliche Entfernungen zu den grossen Bildungsstaetten zurueck. Die Arbeit von Stephanie Irrgang, "Peregrinatio Academica. Wanderungen und Karrieren von Gelehrten der Universitaeten Rostock, Greifswald, Trier und Mainz im 15. Jahrhundert", analysiert anhand von 95 Einzelbiographien die Motive und sozialen Bedingungen akademischer Wanderungen und fragt nach dem Zusammenhang zwischen Mobilitaet und Karrierechancen.

Das Scholarenwandern im Mittelalter wird bisweilen mit den Pilgerfahrten nach Jerusalem, Rom und Santiago de Compostela verglichen, nur dass Universitaetsbesucher nicht an heilige Orte stroemten, sondern aus Wissbegierde eine Hochschule aufsuchten. Im Mittelalter ermoeglichte das Latein als die allgemeine Wissenschaftssprache Wanderungen ueber Sprach- und Landesgrenzen hinaus. Bislang hat sich die Forschung jedoch zu wenig mit sozialgeschichtlichen, kirchenrechtlichen und klientelistischen Faktoren beschaeftigt, die den Ortswechsel erst wirklich erlaubten.

Wer wohin wanderte, hing von den Kosten und den Kontakten am Universitaetsort ab. Viele Gelehrte nutzten ihr gesichertes und auskoemmliches Pfruendenfundament oder Einkuenfte aus Grundbesitz, um den Ortswechsel finanzieren zu koennen. Dank ihrer Zugehoerigkeit zur hohen Geistlichkeit oder zum niederen Weltklerus waren die Reise- und Aufenthaltskosten in der Fremde meist abgesichert. Nur wer finanziell abgesichert war, besass die Chance zur Wanderung. Die Fuehrungspersonen der vier Universitaeten Rostock, Greifswald, Trier und Mainz entstammten dem vermoegenden Buergertum oder adeligen Familien. Nur in zwei Faellen konnte der Status eines Armen, eines "pauper", nachgewiesen werden. Zahlreiche Familien waren miteinander verschwaegert, und ihre Verwandten weisen aehnliche Biografien und Lebenswege auf.

Anhand der Einzelbiografien konnte Stephanie Irrgang vom Friedrich-Meinecke-Institut an der Freien Universitaet Berlin Rueckschluesse auf Motive und Voraussetzungen fuer gelehrtes Wanderungsverhalten ziehen. So mancher Maezen schickte Gelehrte, die schon arriviert waren, an eine prestigetraechtige Universitaet. Andere wurden ehrenhalber an einer Universitaet immatrikuliert. Bei solchen Besuchern, die nie eine akademische Lehrtaetigkeit an diesen Universitaeten ausgeuebt haben, ist schwer ermittelbar, ob sie sich ueberhaupt dort aufgehalten haben. Aber die Bekanntheit und das Ansehen der Gelehrten wird eindrucksvoll unterstrichen durch den Versuch der Universitaeten, sie als einflussreiche Personen fuer ihre Reputation zu rekrutieren. In diesen Zusammenhang fallen auch diverse Gutachtertaetigkeiten, die die Gelehrten fuer verschiedene Universitaeten wahrgenommen haben.

Ein erfolgreicher Aufenthalt an einer italienischen Universitaet, moeglichst mit dem Erwerb eines juristischen oder theologischen Doktorgrades, verhalf noch im 15. Jahrhundert zu grossen Karrieremoeglichkeiten im Reich. Formal reichte es an sich aus, sich mit einem Studium an einer deutschen Universitaet fuer einflussreiche Positionen in der staedtischen Verwaltung, in kirchlichen Aemtern und an Universitaeten zu qualifizieren. Doch wer wirklich Karriere machen wollte, musste in Italien studiert haben. Der Auslandsaufenthalt fand erst zu einem spaeteren Zeitpunkt der Ausbildung statt. Die kostensparenden Elementarstudien erfolgten an einer Universitaet im Einzugsbereich des Heimatortes. Nur eine Minderheit waehlte eine italienische Hochschule als Einstiegsuniversitaet. Der Absolvent italienischer Universitaeten kam als hochqualifizierte Fachkraft auf den Markt: Sie sind spaeter als Kanzler, Protonotare, Gesandte, Bischoefe, Offiziale oder Prokuratoren in ihren jeweiligen Heimatregionen bezeugt.

Ein Italienaufenthalt war nur eine von mehreren wichtigen Komponenten fuer eine individuelle Karriereplanung und praedestinierte nicht automatisch fuer eine ausgezeichnete Laufbahn. Eine Karriere blieb stets das Spiegelbild der sozialen Herkunft. Die heimatlichen Kontakte stellten stets die entscheidenden Impulse fuer ein hoeheres Amt dar. Die weiten Wanderungen ins Ausland trugen zwar zu einer Verbesserung der Karrierechancen in der Heimatregion bei, zur Realisierung dieser blieben aber heimatliche Netzwerke ausschlaggebend, und die entscheidenden Weichenstellungen mussten bereits vor dem Wechsel erfolgt sein.

Politische Krisen oder universitaere Konflikte konnten die Entscheidung zu einem Ortswechsel ebenfalls beeinflussen. Konfessionell bedingte Wanderungen gewannen allerdings erst nach Beginn der Reformation an Bedeutung.

Akademische Wanderungen sind Ausdruck kommunikativer Verdichtung und regionaler Identitaet. Denn der regionale Einzugsbereich einer mittelalterlichen Universitaet umfasst weit mehr als nur das geografisch umgrenzte Kerngebiet einer Hohen Schule. Dieser Rekrutierungsraum ist ein komplexes System aus Beziehungen, Verflechtungen und Abhaengigkeiten. Bei einem Ortswechsel handelt es sich nicht um einen "Abnabelungsprozess" - wie der Besuch einer vom Elternhaus "weit" entfernten Hochschule heutzutage verstanden wird -, sondern der Ortswechsel erweist sich vielmehr als ein gezielter "Umnabelungsprozess".

von Ilka Seer
Literatur:
Stephanie Irrgang, Peregrinatio Academica. Wanderungen und Karrieren von Gelehrten der Universitaeten Rostock, Greifswald, Trier und Mainz im 15. Jahrhundert (Beitraege zur Geschichte der Universitaet Greifswald, Band 4), Stuttgart: Franz Steiner Verlag, 2002, ISBN 3-515-08085-6


Weitere Informationen erteilt Ihnen gern: Dr. Stephanie Irrgang, Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften, Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universitaet Berlin, Koserstr. 20, 14195 Berlin-Dahlem, E-Mail: sirrgang@zedat.fu-berlin.de



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