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Ist es nicht immer wieder ein kleines Wunder, wenn wir in bestimmten Momenten merken, daß, komme, was da wolle, die Gedanken uns forttragen? Es muß mit der Dunkelheit zusammenhängen, die die Aus- zugunsten der Einblicke begrenzt, und wo sollen wir im Winter schon groß hineinschauen außer in uns selbst? – Schon diese beiden rhetorischen Fragen bergen die Gefahr, das noch kurze neue Jahr mit Gemeinplätzen anzufüllen. Es ist ja noch nicht viel passiert, was die wenigen Tage und die Zeitungen füllen könnte, und man kann auch darüber froh sein, daß bisher noch nicht soviel los war. Womöglich wird am heutigen Abend wieder irgendwo auf der Welt etwas vorfallen, mit schrecklichen Konsequenzen für die umwohnende Menschheit, die Polkappen, den Ölpreis. Und in knapp zwölf Monaten, wenn im medialen Paralleluniversum die regelmäßig professionelle Endzeitstimmung herrscht, werden wir all die Tsunamis, die Kriege und Kollapse, die Interventionen und Inventionen schön weichgekocht in farbigen Uns-kann-ja-nischt-passieren-Bildern wieder über uns ergehen lassen müssen. Mit dem Winter geht es schon los: er findet nicht statt. Muß uns diese Entwicklung nicht zutiefst beunruhigen? Gelegentlich vernebelt mir das warme Wetter, ich gebe es offen zu, das Hirn, und ich behaupte buchinteressierten Kulturbürgern gegenüber verwegen, daß Kabale und Liebe von Kleist stammt, und von Schiller Michael Kohlhaas, welch letzterer ein Vetter zwoten Grades von Rem Kohlhaas, dem berühmten Architekten des Berliner Hauptbahnhofs, ist... Derart verstrickt in Widersprüche, die gegen die neubürgerliche Etikette verstoßen, weil man sie in modischen Bildungs- und Benimmbüchern nachblättern könnte, versuche ich dann manchmal zu ergründen, was Wissen eigentlich ist. Viele meinen ja, es handle sich dabei – um mal die zeitgenössische Metaphorik zu bemühen – um eine Art Festplatte, auf der alles gespeichert ist, was man so braucht, um im rechten Moment, bei der 16.789-Euro-Frage zum Beispiel, die richtige Antwort geben zu können. Was aber auch die computergestützte medizinische Forschung unserer Tage nicht hat herausfinden können, ist der Ort, wo im Körper sich so eine Festplatte sinnvoll und nutzbringend einbauen ließe. Mehr Spaß macht es allerdings, seine Gedanken, sagen wir auf einer Straßenbahnfahrt in den frühen Januarabend hinein, ins Kraut schießen oder, um einen Gedanken von weiter oben wieder aufzunehmen, die Kohlhasen über die graue Wiese hoppeln zu lassen. In der Dunkelheit, die im Januar dasjenige ist, was uns alle, Wissende wie Unwissende, in der nördlichen Hemisphäre zumindest eint, fällt es ohnehin leichter, den Gedanken ihre Freiheit zu lassen, als sie in Bahnen zu lenken – es sei denn, es handelt sich um Straßenbahnen, die in den Abend hineinfahren. Das sind dann Bahnen, die vielleicht an mysteriösen, dunklen Häusern vorüberrollen, für die es gar keinen Winter braucht, um ihre Kälte spüren zu können; besondere Bahnen, in denen beim Hinaussehen plötzlich Gedanken entstehen, Erinnerungen an den Winter des letzten Jahres womöglich, die ewigen Schneehaufen und die eigenen strauchelnden Schritte auf den gefrorenen Wegen. Und uns fallen sogar Bilder aus einem jüngst ausgelesenen Roman dazu ein, in dem ein nächtlicher Spaziergänger durch eine tief verschneite, ganz am Ende des finnischen Meerbusens gelegene Stadt spaziert, die von matten Laternen beleuchtet ist, auf den Spuren eines anderen Mannes, die dieser jedoch nicht im Schnee hinterlassen hat... – Wenn überhaupt, dann ist Wissen Nacht.
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Dunkles Gedankengebäude, auch ohne Winter kalt... (Foto (c) P.W. 2007)
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Patrick Wilden, 8. Januar 2007 ID 2898
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