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Berliner Protokolle (1)



Die Konstruktion der Welt aus dem Off

Memorial for Dieter Froese in der Universität der Künste Berlin am 18. Mai 2007

Text: Gerald Pirner

In einer etwas zu persönlich geratenen Weise wurde am vergangenen Freitag in der UdK Berlin von Freunden und Kollegen eines Künstlers gedacht, dessen Tod am 30.Juni 2006 nur in einer deutschsprachigen Zeitung Erwähnung gefunden hatte.
Zwar im letzten Jahr mit Arbeiten in der Ausstellung "40jahrevideokunst.de - digitales Erbe: Videokunst in Deutschland von 1963 bis heute" vertreten, war dem seit 1969 in den USA lebenden Pionier der Videokunst Dieter Froese ansonsten und all die Jahre zuvor nur selten größere öffentliche Aufmerksamkeit geschenkt worden. Vor allem dem Menschen Dieter Froese gehörten beim Memorial in der Hardenbergstrasse Gedanken und Erinnerung. Über die Bedeutung des Künstlers, seine Stellung innerhalb der amerikanischen und europäischen Videoszene wurde kaum reflektiert. Im Folgenden soll der Versuch unternommen werden sich Froeses Arbeit The Piece in the Country (Failure Piece # 2) anzunähern, die neben Art Trip und Endings, sowie einer Arbeit von Alexander Hahn über Froese selbst, bei der Gedenkfeier gezeigt wurde.

Fehlerhaft ist ein Stück so es im vorgesehenen Zusammenhang nicht funktioniert. Ein Teil ist es ohne ein Ganzes, unbrauchbar, lose und spricht nur von sich und einem Versagen. Seinem Stück als In-Szene-Setzen von was auch immer setzt Froese dem Failure Piece # 2 die trockene Feststellung an den Anfang, weder Idee noch Plan zu haben. Aufs Land sei man gefahren und dort hätte er – und wie eher zufällig – eben auch ein Stück machen wollen. Land bestätigt durch Büsche Bäume und Wiese und eine Tonspur mit Vögelgezwitscher, dessen Ursprung die Kamera nachzuzoomen scheint. Jede Handlung, sprich Bild und seine Erstellung, von Froeses Stimme aus dem Off beschrieben und kommentiert, mit der Kamera Gegenstände ins Bild geholt um sie auf ihre Tauglichkeit für ein nicht vorhandenes Stück zu untersuchen: Gymnastikball Liegestuhl Handtuch herangezoomt eingefärbt und überbelichtet. Ein Kabel, dem nachgegangen wird, nur weil es da eben liegt. Vorgefundenes aber nach all solchen Experimenten immer wieder verworfen, weil weder Ausgangspunkt noch Verlauf eines Stückes von ihm gegeben. So gesehen entzieht sich Gegebenheit in sprachlicher Verdopplung des Bildes und der Gegenstand verweigert sich jedem Zugriff obschon nichts näher als er. Das Stück ereignet sich nicht. Ungreifbar bleibt es ohne Scheidung wie die Welt. Wo solche Scheidung Welt überlassen bleibt, ist das Bild nur sehen und die Kamera allein dessen Protokoll. Der aufgerufene „Gegenstand“ gibt die an ihn gerichtete Frage zurück. Froeses Arbeit findet hierfür eine geradezu metaphorische Sequenz: die Kamera auf die Hausecke gerichtet so dass zwei Türen zu sehen. Warten bis sie herauskommt, bis er sie ruft und sie erscheint, die Frau, die herauskommt und ihn fragt, was sie denn tun solle. Aber nicht einmal das sagt sie, das berichtet uns Froese aus dem Off, während sie selbst nur zu sehen.

Der Glaube an Inspiration wird hier genauso persifliert wie der an den Mythos der weißen Leinwand hinter dem immer ein Schöpfungswahn steht. Seit Husserls Intentionalität sind sehen und hören hin-gerichtet. Die Leere aber wie auch das Nichts, für den Menschen sind sie gestrichen. Daraus freilich lässt sich eine Struktur bauen mit einem gesperrten Subjekt und einem fragwürdigen Willen im Zentrum. Froese scheint diese Fragwürdigkeit nicht los zu lassen und vielleicht trifft er gerade deshalb keine Entscheidung.

Zum Stück wird solch Scheitern in seiner Betrachtung. Im Schnitt dem Material ein Ende gesetzt, das zugleich sein Beginn: Autolärm bei fortlaufendem Waldbild und Froeses Stimme meint, dass er, wie man höre, zurück in New York sei und - die Zuschauer direkt angesprochen - mit ihnen die letzten 8 Minuten angesehen habe. Allein dieser Satz - Verdoppelung der Zeit und ihre Aufteilung auf Bild und Tonspur - stürzt sich entziehende Wirklichkeit in Feststellung, indem das Gesehene gesehen und im sprachlichen Bericht Bewegungsbild wird. Die Wiederholung des Bildes in der Sprache, seine Erzählung, seine Dokumentation, setzt ihm Anfang und Ende. So wie Sehen ohne Sprache nicht denkbar, im Sprechen wird das Bild erst manifest: die Erzählung sich aussprechen lassend, die immer schon vorher und vor allem Bild. Das Zuschauen verwandelt das Material in ein Stück und die Protokolle des Scheiterns in eine Dokumentation über Entstehung von Welt und Wirklichkeit. Weder Entscheidung noch Auswahl bringen solches hervor. Bodenlos sind sie ohne Beobachtung und wiederholte Beobachtung des Geschauten, und dieser Prozess findet in Froeses Arbeit sein Stück.

Von einem weißen Fleck spricht die Stimme und die Begleiterin neben dem Blinden flüstert: „Ein Felsen.“ Aus dem Off, und als wäre es dort gehört, die Wiederholung: "Das ist ein Felsen.“ Das Off des Films, das Off des Zuschauerraums, das Sprechen von der Tonspur, das Sprechen auf der Tonspur, das Sprechen neben dem Blinden von Bildern, von denen die Stimme der Tonspur spricht.


Gerald Pirner - red/ 22. Mai 2007
ID 00000003236

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